Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.11.12; Pfarrerin Johanna Krumbach

Fremde

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Manchmal sind Menschen uns fremd. Und dann haben Vorurteile leichtes Spiel.

Das ändert sich, wenn ich mehr von meinem Gegenüber weiß, wenn ich seine Geschichte kenne. So wie die von Flora.

Treu kommt sie jeden Sonntag in den Gottesdienst. Mit ihrem Sonntagskleid, schick frisiert. Vor einiger Zeit hat sie ihren 86. Geburtstag gefeiert. Sie wuchs mit ihrer deutschen, christlich geprägten Familie an der Wolga auf. Die Eltern lehrten sie christliche Gebräuche ebenso wie die deutsche Sprache. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Aus Angst die so genannten Russlanddeutschen würden ihr Land an die Deutschen verraten, mussten alle sofort ihr Heimatdorf verlassen. Sie wurden in Viehwaggons gepfercht und nach Kasachstan geschickt. Die ersten Worte, die sie dort zuhören bekamen, lauteten: „Da kommen die Faschisten. Die sind schuld daran, dass wir unter dem Krieg leiden müssen!“

Man begegnete den Fremden aus dem eigenen Land, die ja noch nicht einmal Russisch sprachen, mit Misstrauen. Als Flora 16 war, wurde sie ihrer Familie weggenommen und weit weg ins Uralgebiet gebracht, wo sie zwölf Stunden täglich unter menschenverachtenden Bedingungen in einem Sägewerk arbeiten musste. Von ihrer Familie hörte sie nichts mehr. Jahre später heiratete sie, bekam einen Sohn und eine Tochter. Dann starb ihr Mann, sie selbst wurde krank – neues Leid. Der Krieg war schon lange vorbei, doch immer noch wurden sie Faschisten und Verräter genannt. Aus diesem Grund hat Flora mit ihren Kindern auch nie Deutsch gesprochen. Seit 1995 lebt sie hier in Augustdorf, ist dankbar, dass sie in Deutschland sein darf. Und doch. Manchmal werden auch hier die Erinnerungen an frühere Zeiten wach. Dann hört sie Worte wie diese: „Warum sind die nicht alle in Russland geblieben, die gehören nicht hierher, die sprechen nicht mal richtig Deutsch; wir müssen unsere Steuergelder für fremde Menschen ausgeben.“ Wie Flora geht es vielen Menschen – fremd in Russland, fremd in Deutschland. Das macht mich traurig, manchmal wütend. Gott stellt sich an die Seite von Flora. Er sagt.

Sprecher: „Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen Fremden Mitbürger lieben wie sich selbst.“ (3. Mose 19,33f).

Autorin: Und Gott stellt ganz klar, dass jeder Fremde ein Recht auf Versorgung hat und nicht auf unsere Willkür angewiesen ist:

Sprecher:„(…) Lasst etwas übrig für die Armen und für die Fremden bei euch.“ (3. Mose 19,9f).

Autorin: Gottes Zuwendung ist nicht abhängig von Landesgrenzen und Hautfarbe. Sie gilt allen. Diese Worte Gottes und die Geschichten von Flora im Ohr sind mein inneres Stoppschild. Es taucht auf, wenn ich mich dabei erwische, ein vorschnelles Urteil über andere zu fällen. Ich möchte, dass Flora sich bei uns zu Hause fühlen kann.

Und ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag, wenn ich sie wieder im Gottesdienst sehe. Ihre Johanna Krumbach, Pfarrerin aus Augustdorf.

 

Audiobeitrag Fremde


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