Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.11.12; Pfarrerin Johanna Krumbach

Über das Loben

Autorin: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Was gibt’s eigentlich für Gründe, so richtig zufrieden zu sein?

Das frage ich mich seit einiger Zeit jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen. Und das fällt mir gar nicht so leicht, denn im Jammern bin ich besser. „Ach, meine Knochen tun so weh“, „Ach, das Wetter ist so schlecht“, „Ach, immer dieser Stress“ – Es findet sich immer ein Grund, unzufrieden mit sich und der Welt zu sein. Manche Menschen stehen schon mit diesem negativen Gefühl auf, das sie dann durch den ganzen Tag begleitet. Dabei könnte es ganz anders sein.

Sprecher: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,1f)

Autorin: Das ist ein Morgengebet, das schon viele tausend Jahre alt ist. Es steht in der Bibel. Der Beter dieses Psalms lobt Gott nicht, weil immer alles so einfach und schön ist in seinem Leben. Wenn man den Psalm liest, dann ist da sogar die Rede von Unrecht und Gesetzesübertretungen, Krankheit und Tod. Warum also Lob statt Jammern? Ich muss mir diese andere Sichtweise langsam erarbeiten. Die Theologin Dorothee Sölle beschreibt in einem Gedicht diesen Prozess:

Sprecher: „Warum ich Gott so selten lobe
fragen die freunde mich immer wieder
verdammt bin ichs denn
war der bund nicht zweiseitig
dass er etwas lobenswertes tut oder vorbeischickt
und ich etwas zum loben entdecke“
(Warum ich Gott so selten lobe, Biblische Texte verfremdet 5, hrg. V. Berg/Berg, Calwer Verlag 1987, S. 16)

Autorin: Gott soll mir doch bitteschön erst mal was zum Loben vorbeischicken. Doch leider:

Sprecher: „Ein fabelhafter kontrakt
er schickt nichts, ich sehe nichts
er war schon immer stumm ich schon immer blind
das ist die Melodie dieser Welt
(ebd.)

Autorin: Mit dieser Feststellung ist die Dichterin noch nicht zufrieden und so nimmt sie sich folgendes vor:

Sprecher: »jetzt habe ich mir vorgenommen
jeden tag drei Sachen zum loben zu finden
Dies ist eine geistlich-politische Übung
von hohem gebrauchswert
(ebd. S. 16f)

Autorin: Das ist ein schöner Gedanke! Jeden Tag drei Dinge zum Loben zu finden. Damit beginne ich den Tag gleich positiv. Ich fange bei mir selbst an und merke: Man kann so einen Tag wie heute aus verschiedenen Perspektiven sehen. Ich kann mit Fug und Recht sagen: „Was habe ich heute wieder für einen Stress! Ich habe zwei Hausbesuche und eine Beerdigung. Meine Sonntagspredigt habe ich noch nicht einmal angefangen. Und zu guter Letzt habe ich noch Gesprächskreis.“ Ich könnte aber genauso gut sagen: „Mein Gott, habe ich es heute gut! Erst habe ich zwei Hausbesuche bei netten Gemeindemitgliedern, die sich freuen, mich zu sehen und mit denen ich mich gut unterhalten kann, dann habe ich eine Beerdigung und ich hoffe, dass ich der Familie etwas Trost geben kann in dieser schweren Zeit. Die Auseinandersetzung mit dem Predigttext für Sonntag wird bestimmt interessant. Dann freue ich mich auf ein gemeinsames Abendessen mit meiner Familie. Es ist so schön, dass mein Mann für uns kocht. Am Abend treffe ich mich mit den Frauen des Gesprächskreises – das ist immer eine nette Runde. Sind das alles nicht Gründe genug zum Loben und Danken? Es ist genau der gleiche Tag und es sind doch zwei ganz unterschiedliche Perspektiven.

Warum ich Gott so selten lobe? Manchmal habe ich vielleicht einfach die falsche Perspektive eingenommen. Seit einiger Zeit befolge ich Dorothee Sölles Vorschlag: Jeden Tag drei Gründe zu finden, Gott zu loben. Und kann sagen: Dies ist tatsächlich eine geistlich-politische Übung von hohem Gebrauchswert.

Dass Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, heute drei Dinge finden, die Sie zufrieden machen und für die Sie – wenn Sie mögen – Gott loben, wünscht Ihnen, Ihre Pfarrerin Johanna Krumbach aus Augustdorf.

 

Audiobeitrag Über das Loben


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