Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.11.12; Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Islam heißt Liebe

„Islam heißt Liebe und nicht Scharia“, sagt Mouhanad Khorchide. Ein Satz, der angesichts zunehmend verhärteter religiöser Fronten viele Muslime

und ebenso viele Nicht-Muslime vielleicht überraschen dürfte. Ein Satz, der Khorchides aktuelles Buch zusammenfasst, das kürzlich auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde.

Khorchide, palästinensischer Abkunft, 1971 in Beirut geboren, lehrt seit 2010 als Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster. Er ist zuständig für die Ausbildung islamischer Religionslehrer an deutschen Schulen. „Viele gläubige Muslime“, schreibt Khorchide, „projizieren ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammvater, dem man unhinterfragt gehorchen und sich unterwerfen muss, auf ihre Vorstellung von Gott.“

Man könnte meinen, den Philosophen Ludwig Feuerbach zu hören, der im 19. Jahrhundert ähnliches dem engstirnigen reaktionären Christentum seiner Zeit ins Stammbuch schrieb. Bis heute gibt es so manche Christen, die ihre Heilige Schrift als bloße Rechtfertigung der eigenen Machtinteressen miss-brauchen. Und ob die Mehrzahl der Muslime, die in Deutschland leben, einen aufgeklärten Islam à la Professor Khorchide vertreten, weiß ich nicht. Das muslimische Internetportal „islamfatwa“ zum Beispiel – User pro Woche knapp 7.000 – bietet nach eigener Aussage eine „Datenbank islamischer Rechtsurteile“. Dort findet sich beispielsweise die Frage „Wie lautet die Fatwa über jemanden, der sagt, manche der Gesetze der Scharia seien mit den Entwicklungen unserer Tage und Zeiten nicht vereinbar?“ Und die Antwort lautet: „Die Gesetze, die Allah für seine Diener festgelegt hat, dürfen von niemanden verändert werden. Wenn jemand behauptet, dass etwas, das sich von der Scharia unterscheidet, passender ist, dann ist er ein Ungläubiger. Wenn er das bereut, wird es von ihm angenommen; wenn er nicht bereut, muss er als Abtrünniger vom Islam getötet werden.“

Das sind deutlich andere Töne als bei Mouhanad Khorchide. Er kritisiert an diesem statischen und ungeschichtlichen Verständnis, „dass im Menschen lediglich eine Maschine gesehen wird. Der Koran und die Sunna“, so schreibt er, „sind demnach eine Art Bedienungsanleitung für das Funktionieren des Menschen.“ Die Folge für das alltägliche Verhalten und für das Selbstverständnis des Einzelnen ist: „Man muss nicht immer alles verstehen. Wir müssen einfach nur tun, was Gott sagt, dann kann nichts schief gehen.“

Kommt einem das bekannt vor? Ich glaube, die Neigung, das Gehirn an der Kasse abzugeben und Gott einen guten oder je nach dem auch einen sehr bösen Mann sein zu lassen, gehört zu allen Religionen wie eine Seuche. Aber die Vernunft, die uns der Schöpfer geschenkt hat, ist, so Khorchide, keine „Falle, die Gott dem Menschen gestellt hat, um zu sehen, ob er sich für das blinde Gehorchen oder das kritische Reflektieren entscheidet.“ Wer zu lesen und nachzudenken bereit ist, kommt nach Khorchides Überzeugung sehr bald zu dem Resultat: „Der koranische Gott ist ein barmherziger Gott.“

Dass Gott barmherzig ist – das dürfte wohl die entscheidende Entdeckung sein, die Angehörige aller Religionen immer wieder neu machen werden, wenn man sie lässt, statt sie zu bevormunden. Nur hier liegt auch der Schlüssel zu einem friedlichen Mit- und Nebeneinander verschiedener Glaubensüberzeugungen. Wichtiger als staatlich verordnete Islamkonferenzen oder die alberne Diskussion um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist es deshalb, dass Leute wie Professor Khorchide breite Unterstützung finden – nicht nur in den muslimischen Gemeinschaften, sondern in der gesamten Gesellschaft.

 

Audiobeitrag Islam heißt Liebe


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