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Zeit wofür?
Auf über 82 Jahre ist für die jetzt neu Geborenen inzwischen die durchschnittliche Lebenserwartung geklettert.
Für Mittfünfziger wie mich liegt der Durchschnitt immerhin auch schon über 70, so dass ich ganz gute Aussichten habe, tatsächlich an den 80 kratzen zu können. Schön, wenn man so viel Zeit hat.
Die Frage ist: Zeit wofür? Das ist schon längst kein philosophisches Problem mehr, sondern eher ein statistisches. Womit der Mensch durchschnittlich seine Zeit verbringt, ist heutzutage selbstverständlich erfasst und erforscht und ohne Schwierigkeiten im Internet abzurufen. Dort lerne ich: 25 von meinen 80 Jahren gehen schon mal für Schlafen drauf. Da kriege ich nicht viel mit. Futsch ist die Zeit. Damit ich die Achtzig überhaupt erreiche, muss ich essen und trinken. Das dauert 3 ½ Jahre und zwingt mich ein weiteres halbes Jahr auf die Toilette. Da bekanntlich im Leben nichts umsonst ist, muss ich arbeiten: 8 Jahre nötigt mir das ab, und weitere 2 fürs Auto, Fahrrad oder Bahn fahren, damit ich zur Arbeit komme, wobei ich wiederum 6 Monate, also so viel, wie ich auf der Toilette sitze, im Stau stehe.
Im Handumdrehn geht auf diese Weise schon fast die Hälfte meiner Zeit drauf, und allmählich stellt sich die Frage, worin denn das Leben besteht. Gut, immerhin kann ich noch 40 Jahre dafür investieren, aber o Schreck! ein Riesenblock von 12 Jahren ist ausschließlich dem Fernsehen gewidmet. Die Zeit vergeht wie im Flug, und bevor ich mir jetzt noch klarmache, wie viele Jahre ich vor dem Computer und am Telefon sitze, schlage ich mal ganz unten in der Liste nach, wo die Dinge mit dem geringsten Zeitaufwand verzeichnet sind. Dort finde ich: 2 Wochen Küssen. Und 2 Wochen Beten.
Auch abseits von skurrilen Statistiken wird man feststellen müssen, dass wir für das, was uns in Beziehung zu einem anderen Menschen, und das, was uns in Beziehung zu Gott setzt, immer weniger Zeit haben. Besser gesagt: uns immer weniger Zeit nehmen. Ob das dem Leben wirklich gut tut, wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Natürlich gibt es viele gute Gründe dafür, sich in effizienten Kommunikationsformen zu vervollkommnen, statt zu schmusen und zu beten. Aber das kann leicht dazu führen, dass man wie in einem populären Popsong immer erst noch kurz die Welt retten und 148.713 Mails checken muss, bevor wieder Zeit für dich und für mich ist. Von Zeit für Gott gar nicht zu reden.
Leben pervertiert auf diese Weise zum Funktionieren und besteht irgendwann nicht nur statistisch, sondern tatsächlich nur aus Schlafen, Arbeit, Essen, Klo gehn, Stau stehn. Dem will ich nun natürlich nicht dadurch entgehen, dass ich beispielsweise 12 Jahre statt fürs Autofahren fürs Beten veranschlage. Nicht die Masse machts, und nicht umsonst sagt Jesus im Evangelium: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern. Aber damit mein Verhältnis zu mir selbst und zu andern nicht schleichend kaputt geht, ist es wichtig, mein Verhältnis zu Gott nicht zu vernachlässigen. Darum will ich die Zeit zum Beten nicht einsparen, sondern bewusst pflegen. Weil sie nämlich, auch wenn sie sich insgesamt bloß auf zwei Wochen summiert, ganz schön wichtig dafür ist, dass die achtzig Jahre nicht irgendwie vorbeirauschen, sondern am Ende für mich die Chance eines erfüllten und gelungenen Ganzen haben. Das sollte sich niemand rauben lassen ebenso wenig wie das Küssen natürlich.
Zeit wofür?
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