Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.11.12; Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Pussy Riot und Martin Luther

Schade, schade, schade Pussy Riot… ich hätte ihn euch so sehr gegönnt. Den Martin Luther Preis für das unerschrockene Wort.

Eine Auszeichnung für Zivilcourage im Sinne des Reformators. Vergeben wird der Preis nicht von der Kirche, sondern von den 16 Lutherstädten, alle zwei Jahre.

Es war äußerst unerschrocken von euch, als ihr die Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale gestürmt habt, im Februar, mit bunten Sturmmasken aus Wolle und euer Punkgebet lauthals inszeniert habt: Mutter Gottes, habt ihr gerufen, vertreibe Putin. Göttlicher Dreck. Es war eine gelungene Protestaktion gegen das Willkürregime von Putin, gegen das Bündnis von Staat und Kirche.

Schade nur, dass es im Vorfeld so viel Streit gegeben hatte um eure Nominierung. Der Theologe und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer hatte sich zu Wort gemeldet: Pussy Riot habe die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzt. Ihr Punkgebet sei Gotteslästerung - reine Blasphemie.

Was ich mir gewünscht hätte, wäre eine klarere Positionierung der evangelischen Kirche gewesen. Doch die ist ängstlich. Die ach so heilige Ökumene könne Schaden nehmen, wird behauptet. Noch mehr Schaden nehmen, muss man hinzufügen. Denn seit dem Amtsantritt von Margot Käßmann als Ratsvorsitzende der EKD, waren die Beziehungen mit der russisch-orthodoxen Kirche ohnehin eingefroren.

Also, Zurückhaltung wegen der heiligen Ökumene? Mal ehrlich, was würde Jesus dazu sagen? Sind die ökumenischen Kontakte der Kirchen wichtiger als der Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen eines Regimes, das jeden Tag ungezählte Opfer hervorbringt? Das Meinungsfreiheit auf `s Schärfste bekämpft, Pressefreiheit einschränkt und unliebsame Menschen verschwinden lässt?

Natürlich hat Pussy riot die Gefühle von Gläubigen verletzt ! Dafür haben sie sich entschuldigt. Nur: Es geht nicht darum, wer sich verletzter fühlt. Es geht darum, unter Gefahr Unrecht zu benennen. So wie damals Luther auf dem Reichstag in Worms. Es geht um Zivilcourage. Und seien wir mal ehrlich: Niemand hier zu Lande hat eine derart öffentlichkeitswirksame Aktion gestartet. Hat es geschafft, mit einem provokanten Gebet dafür zu sorgen, dass die halbe Welt nach Moskau blickt. Das wieder mal deutlich wird: Hier gibt es Menschenrechtsverletzungen. Jeden Tag. Ungezählte Male.

Seien wir mal ehrlich in unseren Amtsstuben, Wohnzimmern und kuscheligen Gemeindehäusern: Wer von uns wäre bereit gewesen, sich in dieser Weise höchstpersönlich zu opfern? Für die Freiheit. Und ganz nebenbei: Es ist ja nicht ein Opfer für irgendeine Freiheit– es ist die Freiheit, die Jesus gemeint hat.

Niemand hier war bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen: Gefängnis, Verhöre, Prozesse, Straflager. Unendliches Leid und Getrenntsein: von Familie, von Mann, Kind und Freunden.

Doch was bleibt zu tun? Auch seitens der evangelischen Kirche, dafür zu sorgen, dass die beiden Punkerinnen rauskommen - aus dem Straflager - und zwar möglichst schnell. Damit sie mit den theologischen Gelehrten und Würdenträgern bald persönlich darüber diskutieren können, was die spezifischen Merkmale eines Gebets sind, bei wem Gott im Straflager war und ob Gott um die beiden Punkerinnen einen Bogen gemacht hat

 

Audiobeitrag Pussy Riot und Martin Luther


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