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Sehen, was jemand braucht
Sprecherin: Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut,
sein Mantel deckt ihn warm und gut.
Lisa war gestern schon beim Martinszug und hat das Lied laut mitgesungen. Obwohl ja eigentlich erst heute der Martinstag ist. Jedes Jahr feiern der evangelische und katholische Kindergarten in ökumenischer Verbundenheit diesen Tag zusammen. Die Straßen verwandeln sich dann für ein paar Stunden in ein Lichtermeer. Mittendrin, hoch zu Ross, reitet Sankt Martin, der römische Hauptmann. Seine Legende reicht ins 4. Jh. nach Christus zurück. Jahr für Jahr wird sie bei den Martinszügen nachgespielt.
Kurz bevor die Kindergartenkinder auf dem Schulhof der Grundschule ankommen, wo es zum Abschluss immer die leckeren Martinsbrezeln und Früchtepunsch gibt, sitzt am Tor ein Bettler. Er friert entsetzlich in der Kälte. Sankt Martin, gespielt von einem jungen Mann aus dem Reitverein, steigt vom Pferd. Ohne zu zögern zieht er sein Schwert und teilt seinen Soldatenmantel mitten durch. Die eine Hälfte gibt er dem Bettler, der sich sofort darin einwickelt, die andere Hälfte legt er sich selbst um die Schultern, steigt wieder auf und reitet weiter.
Lisa ist tief beeindruckt. Mit offenem Mund sieht sie dem Schauspiel zu. Plötzlich wendet sie sich an ihre Mama und fragt: Warum hat der dem Bettler kein Geld gegeben, so wie wir das immer machen bei dem Mann, der vorm Bahnhof sitzt? Tja, sagt die Mama, wenn er ihm Geld gegeben hätte, hätte er weiter gefroren, denn heute Abend kann er sich ja keinen Mantel mehr kaufen. Der Martin hat genau gespürt und gesehen, dass der arme Mann eine andere Hilfe braucht.
Hinsehen und spüren, was jemand braucht! Und dann handeln: Ohne lange zu diskutieren. Ohne an die Konsequenzen für sich selbst zu denken. Mit dem Hinsehen allein ist das oft schon so eine Sache. Manchmal macht man lieber einen großen Bogen oder wehrt mit dem Satz Nein, danke! ab, wenn jemand uns zum Beispiel die Obdachlosenzeitung verkaufen will. Neulich hörte ich, wie jemand mit dem Zeitungsverkäufer sprach: Ich gebe gerne eine Spende, die Zeitung möchte ich nicht so gerne, ich komm sowieso nicht zum Lesen!
Sicher eine freundliche Geste, aber die Obdachlosen möchten ja etwas anderes: Ernstgenommen werden in ihrer Situation, ein bisschen erzählen davon, wie sie leben und welche Einrichtungen es gibt, die sich für sie engagieren. Hinsehen und spüren, was jemand braucht. Das begegnet uns nicht nur auf der Straße, sondern auch in unserer unmittelbaren Umgebung.
Da ist Anna, die fast jeden Morgen zu spät zur Schule kommt. Vor der Schule bringt sie ihre kleine Schwester in den Kindergarten. Ihre alleinerziehende Mutter ist krank. Niemand hat sie je gefragt. Da ist Thea mit ihrer kleinen Rente, die sich immer mehr abkapselt und von den anderen vergessen wird. Dabei kann die Nähe eines Menschen gesund machen, ein Wort gut tun, hinhören öffnen, und Zeithaben Wunder bewirken. Jesus hat übrigens immer so gehandelt: Hingesehen, wo über Menschen hinweggesehen wurde, Nähe gesucht, wo andere Berührungsängste hatten, gehandelt, wo andere keinen Finger mehr rührten. Erinnern Sie sich noch an Lisa, das Mädchen vom Martinszug? Sie ist nach dem Satz ihrer Mutter ganz nachdenklich geworden. In ihrem Kopf geht es ganz schön rund. Man kann also viel mehr geben als Geld. Und sie weiß schon ganz genau, was.
Einen einfallsreichen Sonntag wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Annette Krüger aus Witten.
Sehen, was jemand braucht
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