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Sonntagskleid
Neulich haben wir unseren Dachboden aufgeräumt. Dabei fiel uns ein dicker Briefumschlag mit alten Fotos in die Hände.
Alte Fotos üben eine magische Anziehungskraft aus und wir haben sie natürlich sofort durchgesehen. Die meisten waren in schwarz-weiß, zeigten Bilder von meinen Großeltern und Verwandten, von Geburtstagen und Ausflügen, dazwischen ein Foto von einem Mädchen in einem hellen Kleid mit Spitze und einer Schleife im Haar.
Seht mal: Das ist meine Mama, Eure Oma Gerda, sagte ich zu meinen Töchtern, in ihrem Sonntagskleid. Die beiden guckten etwas amüsiert: Sonntagskleid! Ach ja, früher gab es das. Man hatte ein Kleid für die Schule, ein Kleid für zu Hause und eben ein Sonntagskleid. Die meisten Mädchen, meine Mutter übrigens auch, mochten dieses Sonntagskleid gar nicht. Man durfte sich nicht schmutzig machen, es war ziemlich steif und oft auch kratzig. Aber es war etwas Besonderes, was den Sonntag von jedem anderen Tag der Woche abhob. Und heute, sagte eine meiner Töchter, kannst Du Sonntags ein Kleid kaufen! Ist dann auch ein Sonntagskleid, nur ein bisschen anders.
Der Sonntag ein Tag, der in einem anderen Gewand daherkommt? Er ist gemacht als ein Tag der Ruhe, zum Ausspannen und Auftanken nach Hektik und Stress, die Spannungen der Woche abzulegen, zu entspannen und eine Pause einzulegen. Mit der Ruhe an den Sonntagen ist es aber nicht so einfach. Für viele Menschen gleicht der Sonntag all den anderen Tagen der Woche.
Natürlich gibt es Dinge, die getan werden müssen auch am Sonntag: der Dienst im Krankenhaus und im Altenpflegeheim zum Beispiel, bei der Polizei oder Feuerwehr und vieles mehr. Aber darüber hinaus weichen die Ladenöffnungszeiten immer mehr den Sonntagsschutz auf. Firmen produzieren durchgehend, weil sie sonst mit der Konkurrenz aus dem Ausland nicht mithalten können. Wir sind auf dem Weg zu einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft, hat mal jemand gesagt.
In der Bibel wird die Ruhe des Sonntag als ein Geschenk Gottes gesehen. Haltet den Feiertag heilig, ermutigt sie uns. Denn Gott hat das selbst so gehalten. Am siebten Tag ruhte er aus von seinem Schöpfungswerk und schaute sich an, was er in der vergangenen Woche geschafft hatte. Wir brauchen diesen Ruhetag, um das Hinter-uns-liegende sacken zu lassen, den Alltag abzulegen, und offen zu werden für neue Erfahrungen. Die Theologin Dorothee Sölle hat das so gesagt:
Sprecherin:
Du sollst dich selbst unterbrechen
Zwischen
Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein
und Freude.
Zwischen
Aufräumen und Vorbereiten
sollst du es in dir singen hören,
Gottes altes Lied von den sechs Tagen
und dem einen, der anders ist.
Zwischen
Wegschaffen und Vorplanen
sollst du dich erinnern
an diesen ersten Morgen,
deinen und aller Anfang,
als die Sonne aufging
ohne Zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit, die niemandem gehört
außer dem Ewigen.
aus: Dorothee Sölle und Luise Schottroff, Den Himmel erden, 1996, S. 89, 23 Zeilen
Das ist ein wunderbares Sonntagskleid, das wir anziehen können, ein Kleid, das uns nicht einengt, sondern uns Freiheit schenkt uns ganz neu zu öffnen für uns selbst, für die Menschen um uns herum, für Gott.
In diesem Sinn wünscht Ihnen einen schönen Sonntag - Pfarrerin Annette Krüger aus Witten.
Sonntagskleid
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