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Brief an eine Heilige Elisabeth von Thüringen
"Hochwohlgeborene Frau, liebe Elisabeth von Thüringen. So viele Historiker, Mythenmacher und Fans haben versucht, mir in dicken Büchern dein Leben nahe zu bringen.
Das Leben einer Heiligen im 13. Jahrhundert. Dein Antlitz prägt Münzen, Kirchenfenster zeigen dich eine elegante hohe Dame, die sich zu den Armen und Kranken herunterbeugt. Krankenhäuser und diakonische Einrichtungen tragen deinen Namen. Doch willst du mir nicht näher kommen. Die Legendenbildung hat aus dir eine unerreichbare Ikone christlichen Lebens gemacht.
Musik 1
So kennen wir Heilige, liebe Hörerin, lieber Hörer. Edel, hilfreich und gut. Für uns oft unerreichbar und unnahbar. Mein Name ist Petra Bahr, ich bin die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen in Deutschland und lebe in Berlin.
Elisabeth von Thüringen ist eine Heilige, die auch den Protestanten viel bedeutet. Vor mehr als 800 Jahren hat sie gelebt. Mir gibt sie viele Rätsel auf. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe an die Glaubensschwester aus ferner Zeit.
Gerne, liebe Elisabeth, möchte ich dir ein paar ehrliche Fragen stellen. Um dich aus der Reserve zu locken oder zumindest aus dem goldenen Rahmen, in den wir dich eingesperrt haben. Schon fünfzig Jahre nach deinem Tod erscheint die erste Heiligenvita über dich. Dabei bist du nicht mal 24 Jahre alt geworden. Vor ein paar Jahren, als wir deinen 800. Geburtstag gefeiert haben, stellte man dich als Mischung aus Lady Diana und Mutter Theresa dar. Ein wenig Mette Marit war auch dabei. Da ist es gar nicht so einfach, sich dir zu nähern. Das, was seit dem 13. Jahrhundert von dir an Quellen geblieben ist, sind lauter tote Dinge. Dokumente, Siegel und Münzen. Dir hätte das vermutlich nichts bedeutet, weil dir Dinge nichts bedeutet haben.
Zum Glück gibt es noch ein paar Dokumente, die gesammelt wurden, um deine Heiligsprechung vorzubereiten. Stimmen von deinen ehemaligen Spielgefährtinnen, allesamt Hofdamen oder Mädchen aus gutem Hause. Die Namen deiner Freundinnen weisen ins ferne Reich des Mittelalters. Guda und Isentrud zum Beispiel.
Du, liebe Elisabeth, wirst als ungarische Königstochter in eine Märchenwelt hineingeboren, eine Welt, in der es Minnesänger gibt und Ritter und Burgen. Deine Verwandtschaft besteht aus Bischöfen, Regentinnen und Äbtissinnen großer Klostergemeinschaften. So jemand wie du wächst mehrsprachig auf, denn deine Mutter ist Deutsche.
Mädchen bei Hof lernen in dieser Zeit Lesen und Schreiben. Für Jungen steht diese Art der Bildung nicht auf dem Programm. Sie lernen Fechten, Raufen und Regieren. Wie man ohne Lesen und Schreiben gut Regieren soll, ist mir allerdings schleierhaft. Ob da heimlich die Frauen ihren Männern beim Regieren helfen mussten?
Selbstdisziplin und Demut sei deine liebste Kinderübung gewesen, heißt es. Schon als Kind sollst du der Putzsucht deiner Freundinnen einen Riegel vorgeschoben haben, sagen die Hüter deiner Legende. Als Königstochter trugst du nur einfache Kleidung, hast auf Schmuck verzichtet und bist immer dann betend auf die Knie gefallen, wenn Spiel und Eitelkeit drohten. Ich kann nicht sagen, dass mir das sympathisch klingt. Eine neunmalkluge Spielverderberin, die den Freundinnen die Glanzbilder aus den Händen nimmt und in Fetzen reißt? Immerhin ist auch überliefert, dass du eine wilde Reiterin gewesen bist. Im Damensattel über das Anwesen der königlichen Pfalz zu reiten, das klingt gar nicht diszipliniert. Eher leidenschaftlich. Schon als kleines Mädchen wirst du verlobt, aus politischem Kalkül, wie es üblich ist.
Musik 2
Track 1 Arise von CD: The Sims Medieval Vol. 1, John Debney. Ursprüngliches Erscheinungsdatum : 5. April 2011. Label: E.A.R.S. (EA Recordings), Copyright: 2011 E.A.R.S. (EA Recordings), Gesamtlänge: 17:59, LC 11269
Deshalb schickt deine Familie dich schon im Kindesalter an den Hof deines künftigen Mannes Ludwig. Im fernen Thüringen wächst du nun auf, auf der Burg deiner späteren Schwiegereltern und deines zukünftigen Gatten, der da noch ein kleiner Junge ist. So weit weg von zuhause, nur begleitet von einem Onkel und einer Tante, hast du da nicht gelitten, aus Heimweh, aus Sehnsucht nach der eigenen Familie? Zum Trost haben sie dir eine Spielgefährtin aus Ungarn mit auf die Reise geschickt.
Musik 2
Mit zwanzig Jahren heiratest du dann Ludwig, den Landgraf von Thüringen. Nach allem, was die Quellen sagen, war es eine Liebesheirat. Trotzdem hast du einmal gesagt: Ich bedaure, nicht im Stand der Jungfräulichkeit zu leben. Meine Güte, im frühen 13. Jahrhundert, wird die Sexualität ja auch verteufelt. Körperliche Nähe ist verdächtig. Nur zur Fortpflanzung kann sie widerwillig hingenommen werden. Und doch hast du mit deinem Gatten öffentlich Zärtlichkeiten und Küsse ausgetauscht. Wie passt das zusammen? Sogar bei deinen nächtlichen Gebeten soll Ludwig dir die Hand gehalten haben, damit du es nicht zu bunt treibst mit deinen geistlichen Übungen. Eine anrührende Vorstellung, finde ich, die sehr für deinen Ehemann spricht.
Am liebsten würde ich immer nur beten und mich damit von meinem Mann fortreißen, sagst du einmal. Warst du so hin und her gerissen zwischen der Liebe zu deinem Mann und der Liebe zu Gott? Oder hat dein Seelsorger, Konrad von Marburg, dir den Konflikt nur eingeredet? Ich gebe zu, dass mich deine Beziehung zu ihm am meisten irritiert. Du unterwirfst dich seinem Befehl in einer Weise, die sonst gar nicht zu dir passt. Schon als junge Frau hast du einen wachen Sinn für die sozialen Probleme. Du zeigst mit dem Finger auf die Schere zwischen Arm und Reich, die sich in der mittelalterlichen Gesellschaft auftut. Du hast die Armut nicht als gottgegeben hingenommen. Du hast dich verantwortlich dafür gefühlt, den Reichtum gerechter zu verteilen. Dabei bist du sehr planvoll vorgegangen. Die Hilfe, die du in Thüringen organisiert hast, hat mit großzügiger Almosengeste nichts zu tun. Zu deiner Zeit gab es im Christentum mächtige Armutsbewegungen. Die kanntest du, von ihnen bist du geprägt. Aber du wolltest die Zustände ändern. Dafür hast du auch auf starke symbolische Handlungen gesetzt.
Du hast dich zum Beispiel geweigert, Dinge zu essen und zu trinken, die aus zweifelhafter Quelle stammten zum Beispiel von Bauern, die ausgebeutet wurden. Nur was die Güter und Ländereien direkt hergaben, wurde dir zur Speise. Damit hast du den Hof gegen dich aufgebracht. Deine offen zur Schau gestellt Askese hat sie alle geärgert. Das ist ziemlich mutig und selbstbewusst. Und war deine Entscheidung. Was ich deshalb nicht verstehe: Als dein Beichtvater Konrad dir immer radikalere Speisegesetze vorschreibt, unterwirfst du dich ihnen. Obwohl du vor Schwäche fast vom Pferd fällst. Als du heimlich isst und Konrad dich dabei erwischt wirst, lässt du dich von ihm züchtigen. Warum? Mir ist diese ganze Sehnsucht nach körperlicher Unterwerfung fremd. Sie stößt mich ab, auch wenn sie sich aus der Frömmigkeit der Zeit vielleicht erklären lässt. Ein blutiger Rücken als Zeichen der Gottesliebe, das will mir noch weniger einleuchten als dein diätetischer Lebensstil, deine Fähigkeit zum Verzicht und deine unermüdliche Hilfe für andere. Für dich gehört offenbar beides zusammen.
Musik 3
Track 5 Incantus Magicus, von CD: The Sims Medieval Vol. 1, John Debney. Ursprüngliches Erscheinungsdatum : 5. April 2011. Label: E.A.R.S. (EA Recordings), Copyright: 2011 E.A.R.S. (EA Recordings), Gesamtlänge: 17:59, LC 11269
Und dann der Krieg: Du bist dabei, als Ludwig als junger Regent sein Kreuzfahrergelübde spricht. Mehrere Jahre lang versucht der Papst vergeblich, deinen Mann zum Waffenritt ins Heilige Land zu überreden. Jerusalem soll von den Sarazenen befreit werden. Blutvergießen wird da in Kauf genommen. Dann stimmt Dein Ehemann zu. 1227 zieht er in den Krieg. Er nimmt sein Kreuz, wie es damals heißt. Eine gefährliche Umdeutung des Leidens Jesu. Das Risiko, den Geliebten verlieren zu können, muss Dir klar gewesen sein. Du versprichst Ludwig für den Fall der Fälle, nicht wieder zu heiraten und ein Leben zu führen, das ganz von Keuschheit und Armut geprägt sein soll. Drei kleine Kinder hast Du da schon, zwei Mädchen und einen Jungen. Ludwig wird das Heilige Land nicht erreichen. Er stirbt kurz vor dem Ziel an einer Infektion. Du erfährst erst ein halbes Jahr später von seinem Tod. Da spinnt dein Schwager schon eine Intrige gegen dich. Er ist scharf auf den Regentenstuhl und schikaniert dich so, dass du die Flucht ergreifst. Nach einem Irrweg durch Deutschland gehst du nun endlich deinen eigenen Weg. Der führt dich nach Marburg. Vorher aber hast du deine Kinder weggegeben.
Zu Verwandten den Jungen, ins Kloster die Mädchen. Mit einigem Aufwand versuchen die männlichen Autoren deiner Biographie, diese Entscheidung zu erklären. Du trennst dich von den Kindern, um ganz für die Armen da sein zu können. Die Trennung von deinen Kindern mag man nachvollziehbar finden oder nicht, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dir leicht gefallen ist. Aber du hast dich mit aller Kraft und all deinem Geld in den Aufbau eines Hospizes gestürzt. Wieder kommt deine planerische Begabung zum Vorschein, dein großes Organisationstalent. Beides verbindet sich mit großer Menschenliebe. Ein Hinweis auf dich gefällt mir besonders gut. Du hast die Kranken mit Lachen und Scherzen geheilt. Humor hattest du offenbar auch, genauso wie die Fähigkeit zur Selbstdistanz. Aber, Elisabeth, warum hast Du Konrad, deinen Beichtvater, da noch immer nicht weggeschickt?
Ich finde nicht, dass er den Namen eines Seelsorgers verdient. Er schickt deine beiden Hofdamen und Freundinnen weg, um dir zwei nörgelnde Frauen an die Seite zu geben. Er ohrfeigt Dich öffentlich. Manchmal hast du den Geistlichen mit weiblicher Finesse austrickst. Und als er dich daran hindern will, eine Kranke aufzunehmen, versteckst du sie im Schuppen und pflegst sie gesund. Diese Mischung aus großer Eigenständigkeit und unbedingtem Gehorsam überfordert mich.
Musik 4
Track 9 Thankyou, Stars (3:39) von CD Piece By Piece von Katie Melua, Text Mike Batt, Composition, Arrangement: Mike Batt, Sängerin Katie Melua, 2005 Dramatico Entertainment Limited., LC 13350.
Ich weiß nicht, ob man sie allein aus dem Zeitgeist erklären kann. Denn Du hast Dich ja immer wieder mit dem Zeitgeist überworfen. Du nimmst die Mächtigen in die Pflicht, damit sie Verantwortung übernehmen und die Ausbeutung der Abhängigen beenden. Die Königstochter, die in Lumpen geht, das macht Eindruck, weil Reden und Handeln übereinstimmen.
Musik 4
Vielleicht muss ich dich gar nicht verstehen. Vielleicht kann ich mich von deinem tatkräftigen Eigensinn faszinieren lassen. Du bist meine Heilige. Nicht, weil ich so leben will wie Du. Eine Heilige bist Du, weil Du davon überzeugt warst, dass das Leben als Christin Konsequenzen für die Welt haben muss. Du hast etwas bewegt. Das bewegst mich!
Vielleicht fällt Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, heute auch ein besonderer Mensch ein, der Sie bewegt und berührt. Das wünscht Ihnen, Petra Bahr von der evangelischen Kirche.
Musik 4
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