Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.10.12; Pfarrer Klaus Eberl

Der Mond ist aufgegangen

Improvisation André Enthöfer - Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, haben Sie die Melodie erkannt? Der Mond ist aufgegangen…

Ein Lied nicht nur für den Abend und eines der bekanntesten Volks- und Kirchenlieder.

Mein Name ist Klaus Eberl. Ich bin Pfarrer und Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland. Musikalisch begleitet werde ich von André Enthöfer. Der Mond ist aufgegangen. Matthias Claudius hat das Gedicht 1778 geschrieben. Johann Schulz hat es vertont. Noch heute hat es seinen festen Platz - am Bett eines Kindes, leise gesummt in der Nacht, wenn man nicht schlafen kann, als Trostlied, im Abendgottesdienst. Ganz traditionell oder auch modern verjazzt. Die erste Strophe kennen viele auswendig:

Improvisation André Enthöfer
1. Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. Der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.

Matthias Claudius schaut auf den Mond. Der ist ein Sinnbild für's Leben, das oft ein Rätsel ist. In der Nacht muss man genau hinsehen. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche. Welch ein Gegensatz zum Lärm des Alltags! Stimmen und Geräusche. Informationen und Schlagzeilen. Bilanzen und Prognosen. Bei so viel Lärm: Wie soll da das Vertrauen ins Dasein wachsen? In der Fülle der Worte überhöre ich das eine Wort, das Gott mir ins Ohr flüstert. In der Fülle der Aufgaben übersehe ich das Wichtige. Gut, wenn dann einer sagt: Keine Angst! Alles wird gut.

Improvisation André Enthöfer
2. Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.

Zu Matthias Claudius Zeiten war sie am Abend noch still, die Welt. Sie ist wie eine samtene Hülle, ein Ruheraum, in den ich mich zurückziehen kann. Laut und breit haben am Tag die Sorgen und die kleinen und großen Katastrophen meine Gedanken beherrscht. Am Abend aber: Raus damit. Vergiss „des Tages Jammer“, schreibt Matthias Claudius. Sein persönlicher „Jammer“ hatte einen Namen: elf Kinder und einen leerer Geldbeutel. Als Journalist und Theologe geht er mit offenen Augen durch die Welt. Ein Jahr bevor sein Mondgedicht entsteht, bricht ein Krieg aus und er schreibt sein Gedicht „S’ ist Krieg, S’ ist Krieg, o Gottes Engel wehre." Dennoch glaubt er, dass Gottes neue Welt schon da ist. Verborgen, oft übertönt. Aber für dieses Neue will er Augen und Ohren haben.

Improvisation André Enthöfer
3. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Das Leben ist mehr als ich sehe. Denn das, was ich sehe, ist ja nur die halbe Wahrheit. Der Mond steht halb am Himmel, aber jeder weiß, dass er tatsächlich ganz und rund und schön ist. Man sieht es nur nicht. Matthias Claudius ruft mir zu: „Bedenke, dass Du immer nur Teile der Wirklichkeit wahrnimmst, wie den halben Mond.“ Sei also vorsichtig in deinem Urteil und sei barmherzig mit den Menschen. In jedem steckt auch etwas Geheimnisvolles, Unsichtbares. So spricht Matthias Claudius von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Zeit und Ewigkeit. Vom Rhythmus des Lebens.

Ich erlebe das selbst immer wieder. Oft kenne ich nicht die ganze Wahrheit, wenn ich eine Entscheidung treffen muss. Wenn ich jemandem begegne, weiß ich nicht: Was treibt ihn an? Was ist seine Motivation, seine Angst, seine Leidenschaft. Manchmal gerate ich in Streit und verstehe nicht, warum jemand so heftig reagiert. Vielleicht hat er gerade eine schlechte Nachricht zu verarbeiten. Schlägt sich mit einer Erkrankung herum. Oder einer Enttäuschung. Wie auch immer: Ich sehe nur einen Teil. Das prägt jede Beziehung, auch Freundschaften oder Familien. Jeder Mensch ist unendlich viel mehr als ich sehe. Manchmal erschließt die Liebe dieses Verborgene. Das Abendlied übt mit mir ein, behutsam mit dem Leben und den Menschen umzugehen, dem Leben das Geheimnisvolle zu lassen. Ich sehe nicht alles, ich kenne nicht alles. Auch Gott nicht und seine Wahrheit. Aber wie die Liebe Vertrauen wagt, so wagen Christen den Glauben an Gott.

Improvisation André Enthöfer
4. Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.

Ich strenge mich an. Will alles gut machen. Die Menschen heute sind scheinbar viel weiter als zu Matthias Claudius‘ Zeiten: Sie wissen mehr als damals. 100 Jahre nach Matthias Claudius Mondgedicht hat Jules Verne eine Mondreise in einem Roman beschrieben. Und wieder 100 Jahre später hat Neil Armstrong als erster Mensch tatsächlich den Mond betreten. Ist die Welt seitdem besser geworden? Gehen die Menschen friedlicher miteinander um? Ist der Hunger besiegt? Geht es gerechter zu?

Was wird nicht alles unternommen, damit das Leben gut wird. Viele kaufen sich das Leben schön. Was nützt es einem Kind, wenn es alle Spielsachen hat, aber keinen Menschen, der ihm ein Lied vorsingt. Was nützt es der Welt, wenn wir ins All fliegen, aber unseren Heimatplaneten zerstören. Was nützt alles Lernen und Forschen, wenn wir nicht besser verstehen, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen. Wir haben keinen Grund, stolz zu sein, meint Matthias Claudius. Wir sind – Sünder. Getrennt von Gott, getrennt vom richtigen Leben. Wir sind noch nicht wir selbst. Wir kommen weiter von dem Ziel. Aber was ist das Ziel?

Improvisation Enthöfer
5. Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Gottes Heil ist das Ziel – Ewigkeit fällt in die Zeit. Gottes Heil - hier in unserem Leben wird es sichtbar. Und es weist zugleich darüber hinaus. In den ersten Strophen war das Mondlied noch eine Beschreibung. Jetzt wird es zu einem Gebet. “Gott, schenke mir Vertrauen in das, was trägt. Lass mich einfältig wie Kinder leben, wenn es um den Glauben geht.“

Ich weiß nicht, ob ich das mitbeten kann. Will ich das überhaupt – wie Kinder fromm und fröhlich sein? Anrührend ist das Bild, ist die Melodie. Aber den Tag über lebe ich doch lieber anders. Wozu habe ich denn das alles gelernt: Denken, Lesen, Schreiben – Arbeiten, schaffen, erfinden – Planen, analysieren, verstehen. War das alles umsonst? Soll ich das alles vergessen?

Was bringt mir diese „Einfalt“? In der Musik habe ich eine Antwort gefunden. Man kann eine Melodie einfach spielen:

Enthöfer: einfache Melodie

Oder sehr virtuos:

Enthöfer: Improvisation

Die perfekteste Fingerfertigkeit allein macht noch keine große Musik, eine Musik, die mein Herz erreicht und es öffnet. Deshalb kann das einfache, von der Mutter gesungene Abendlied am Bett des Kindes von keinem Konzert übertroffen werden. Für das Kind jedenfalls nicht.

Oder: Der scharfsinnigste Verstand weckt noch keine menschliche Einsicht oder gar die Liebe in mir. Nur mit meiner Vernunft und meinem Können allein komme ich nicht weiter. Ich brauche den Glauben, der in die Tiefe der Seele reicht. Ich brauche das Vertrauen darauf, dass Gott die Welt im Innersten zusammenhält. Es hängt nicht alles vom menschlichen Wissen und Können ab. Gott sei Dank. Da kann ich gelassener - – wie Kinder – fromm und fröhlich sein.

Improvisation André Enthöfer
6. Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen durch einen sanften Tod; und wenn du uns genommen, lass uns in' Himmel kommen, du unser Herr und unser Gott.

Bisher konnte man fast den Eindruck bekommen, Matthias Claudius beschreibt eine Abendidylle. Der Mond und die Welt, Mensch und Religion, humorvoll, schlicht, naiv. Aber er beschreibt keine Idylle. Dazu kannte er Vergänglichkeit und Tod viel zu gut: Seine Geschwister sterben, als er ein kleiner Junge ist. Sein Heimatort wird von einer Seuche heimgesucht. Der frühe Tod des Vaters erschüttert ihn. Drei seiner Kinder sterben. Nicht ohne Grund atmet das Abendlied eine gewisse Melancholie.

Der Abend ist ja auch ein Bild für den Tod. So wie ich mich im Schlaf bei Gott geborgen fühle, kehre ich am Ende des Lebens heim in seine Liebe, die größer ist als alle menschliche Vernunft. Leben und Sterben, gehören zum Rhythmus unseres Daseins, der hier besungen wird. Ein Swing der besonderen Art.

Improvisation André Enthöfer
7. So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch!

Mit dem Schauen hat Matthias Claudius begonnen. Am Anfang blickt er nach oben. Er sieht den Mond, die Nacht, allen Jammer des Lebens und das verborgene Glück. Jetzt schauen seine Augen auf die Nachbarhäuser. Da sind Menschen, die genauso wie er mit dem Leben ringen, um ein wenig Glück kämpfen. Wir sind nicht einsam, sondern eine große Gemeinschaft, wenn wir füreinander da sind. Der Glaube ringt nicht um das Glück des Einzelnen, sondern um das Heil der Welt. Niemand darf verloren gehen. Jeder soll eine gute Zukunft haben. Dafür setzen sich Christen ein. Konkret und ohne romantische Umwege.

Der Mond ist aufgegangen – ein Lied nicht nur für den Abend. Ein Lied über den Rhythmus des Lebens, über den liebenden Herzschlag Gottes, der alles durchdringt.

Improvisation André Enthöfer
Klaus Eberl und André Enthöfer verabschieden sich von Ihnen. Wir wünschen einen gesegneten Sonntag.

Improvisation André Enthöfer

www.andre-enthoefer.de

 

Audiobeitrag Der Mond ist aufgegangen


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