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Schreien oder Schweigen
Lieber Hörer, liebe Hörerin! Schreien oder Schweigen? Was hat mehr Macht?
In einem Stacheldraht leuchtet vor tiefschwarzem, nächtlichem Hintergrund ein schneeweißes Kinderkleid. Es hat sich dort in den Metallspitzen verfangen und weht stumm im Wind. Hinter dem Stacheldraht Dunkelheit, Niemandsland - oder gelobtes Land? Ein Grenzstreifen irgendwo auf der Welt. Wem das Kleidchen wohl gehört? Hat es jemand zum Trocknen aufgehängt in einem Flüchtlingslager? Oder blieb es hängen beim Überklettern der Barriere? Das Foto, das ich in meiner Tageszeitung entdecke, gibt diese Informationen nicht preis. Einzig die Bildunterschrift lässt das Drama erahnen. Ein Foto aus einem Kriegsgebiet. Das weiße Kleid mit den Puffärmelchen nicht friedlich zum Trocknen aufgehängt, sondern wohl eher auf der Flucht verloren gegangen. Wie mag es dem Kind gehen, dem es gehörte? Und seinen Eltern? Sind sie entkommen? Wurden sie verhaftet oder verletzt?
Ich muss daran denken, wie alt ich war, als ich so ein Kleidchen trug. Eineinhalb oder zwei Jahre vielleicht. Aufgewachsen im Frieden, der nun in Deutschland schon fast 70 Jahre währt.
Ich konnte gerade laufen und tapste stolz meiner Tante und ihrem Bräutigam auf dem Weg zur Kirche voran. In der Hand ein Blumenkörbchen mit Blüten, die ich noch ziemlich unbeholfen ausstreute. Die Sommersonne brachte mein weißes Kinderkleid mit den Puffärmelchen zum Leuchten.
Das Kleid im Stacheldraht, es war vielleicht auch für ein Fest genäht oder gekauft worden. Und nun hängt es als stumme laute Mahnung im Grenzzaun. Ein Mahnmahl für die unschuldigen Opfer von Krieg und Vertreibung in aller Welt. Sein stummes Hängen ist zugleich ein lauter Schrei nach Hilfe. Ein Schrei nach Frieden und Gerechtigkeit. Was hat mehr Macht Schweigen oder Schreien? Das Foto schweigt und ist doch beredt. Der Schrei der verwaisten und verletzten Kinder, ihrer gefolterten, ermordeten oder verhafteten Eltern dröhnt mir beim Anblick des Fotos in den Ohren. Die fünf großen Feinde des Friedens, die in uns allen wohnen, stehen mir vor Augen: Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz. Aus ihnen erwachsen die Kriege in aller Welt.
Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn, hat der französische Philosoph Gabriel Marcel geschrieben. Und genau deshalb, damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimme hören, erinnern wir uns in dieser Jahreszeit, im November an die Opfer von Krieg und Gewalt.
Das weiße Kleid im Stacheldraht, zufällig hängen geblieben, von einem aufmerksamen Fotografen verewigt ein beredtes, stummes Mahnmal. Die Schreie des Kindes und seiner Eltern, die Schreie der Soldaten und Bewacher der Grenze längst verhallt. Wir sehen nur noch das Abbild des Grauens. Helfen können wir nicht mehr und wir können auch kaum eingreifen, wo Gräuel verschwiegen, Morde vertuscht und Kriege mit falschen Aussagen angezettelt werden. Aber eine Verantwortung haben wir doch, den Todfeinden des Friedens entgegenzutreten, wo immer uns das möglich ist. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Kor. 5,10) so hat der Apostel Paulus einmal geschrieben. Er erinnert uns daran, dass Schulterzucken nicht gilt, selbst wenn wir uns angesichts der politischen Verhängnisse oft ohnmächtig fühlen. Wir werden nach unsern eigenen Haltungen gefragt werden. Im Angesicht der Opfer, die so zu ihrem Recht kommen. Und dann am Ende, wenn alles allen vor Augen steht, so ist uns verheißen, dann leuchten unser aller Seelen hell wie das Kleid, das wir zur Taufe trugen.
Aus Düsseldorf grüßt Sie, Pfarrerin Petra Schulze.
Schreien oder Schweigen
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