Vergoldete Risse - eine Lebenskunst
Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin, immer geht irgendwas zu Bruch. Die Lieblingstasse. Omas alte Kuchenplatte.
Das schöne Kölschglas von Onkel Herbert oder Franzis erster Kinderteller aus Porzellan. Manches wandert kurz betrauert in den Müll. Anderes kleben wir vorsichtig wieder zusammen. Denn sie sind uns wertvoll: die Erinnerungen an einen geliebten Menschen.
Man mag das als nostalgische Anwandlung belächeln. Doch es gibt nicht nur nostalgische Risse-Kleberinnen, sondern Künstler, die haben sich dem Sichtbarmachen von Sprüngen und Rissen geradezu verschrieben.
Der Berliner Künstler Daniel Wenk zum Beispiel. Er nennt sich Tapist, von tape, Klebeband. Mit Tesafilm aller Art gestaltet er Kunstwerke. In einem Sommer klebte er mit einem breiten, durchsichtigen Klebeband Risse in einer Berliner Straße zu. Anreiz war das mediale Gewitter um die Winterschäden an den Berliner Straßen.
Und so prangten nun die breiten Klebestreifen wie Pflaster über dem aufgebrochenen Asphalt und schillerten in der Sonne. Die Wunden, die der Winter der Straße geschlagen hatte, wurden noch deutlicher sichtbar. Was den Autofahrern schon täglich ein Hindernis gewesen war, den Fußgängern fiel es jetzt erst richtig auf. Und sie sprachen den Künstler dann auch an: Manche meinten, es gäbe doch bessere Methoden, um das zu reparieren
, schmunzelt Daniel.
Daniel Wenk hat mit seinem Klebeband die Risse betont. Das gleiche tun andere Künstlerinnen und Künstler, die sich die japanische Porzellanreparaturtechnik Kintsugi zu Eigen gemacht haben. Hier werden die Risse in einem Gegenstand mit feinstem Pudergold verziert und repariert. Die so kunstvoll kreierten goldenen Nähte scheinen zu rufen: Seht her, diese Tasse ist mir so viel Wert, dass ich sie reparieren ließ. Der Riss ist nicht unsichtbar gemacht. Sondern veredelt und hervorgehoben. Da wird nicht kaschiert, dass etwas geschehen ist. Risse verweisen auf Erschütterungen, Zusammenbrüche, Verletzungen, auf jeden Fall auf eine Bewegung. Wenn ich zum Beispiel einen senkrechten Riss in einer Hausfassade entdecke, dann weiß ich: Irgendwie bewegt sich der Untergrund darunter. Vielleicht ist ein alter Stollen eingebrochen oder gab es Bauarbeiten? Risse weisen über sich hinaus auf das, was diesen Riss verursacht hat. Und rauben einem die Illusion, dass alles für immer bleibt wie es ist. Deshalb macht Daniel Wenk die Risse so gern sichtbar. Weil wir von ihnen lernen, dass das Leben Bewegung ist und Veränderung.
Wenn ich Risse nicht nur unsichtbar repariere, sondern sie vergolde und sie wertschätze als Teil des gelebten Lebens dann ist das eine hohe Lebenskunst. Meine Falten sind dann keine Runzeln, sondern Zeichen meiner Erfahrung und Weisheit. Ein Bruch in meiner Biografie ist dann kein Makel, den ich verschämt verstecken muss, sondern ein Kennzeichen dafür, dass ich mit Krisen umgehen kann und aus ihnen lerne.
Kintsugi, Risse vergolden das ist eine Kunst, die ich lernen kann. Den Sprung in der Schüssel nicht verstecken, sondern mit Würde tragen. Auch wenn die Bruchstelle oft trotz Reparatur empfindlich bleibt zu meinem Leben gehören die Risse, die Sprünge dazu und machen mich unverwechselbar kostbar. In den Augen Gottes und in den Augen der Menschen, die vielleicht gerade deshalb auf mich aufmerksam werden, mich gerade deshalb mögen.
Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen, Petra Schulze, Pfarrerin in Düsseldorf.
Vergoldete Risse - eine Lebenskunst
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