Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.10.12; Präses Annette Kurschus

Gib dich zufrieden und sei stille

Es gibt Lieder, die schließen sich der Seele nicht gleich beim ersten Singen auf. Man muss lange mit ihnen unterwegs sein, vielleicht zwischendurch ganz von ihnen lassen.

Und plötzlich, ganz unerwartet, kommen sie in anderer Situation überraschend neu daher. Auf einmal leuchten und funkeln sie wie ein klingender Schatz, den du nicht mehr missen willst. Mir geht es so mit diesem leisen und behutsamen Lied von Paul Gerhardt:

1. MUSIK
Gib dich zufrieden und sei stille
in dem Gotte deines Lebens!
In ihm ruht aller Freuden Fülle,
ohn ihn mühst du dich vergebens;
er ist dein Quell und deine Sonne,
scheint täglich hell zu deiner Wonne.
Gib dich zufrieden!

Vor vielen Jahren schilderte mir eine Frau ihr besonderes Erlebnis mit dem Choral. 1945 geriet sie als Kind zusammen mit ihrer Mutter und drei Geschwistern auf der Flucht in ein thüringisches Dorf. Dort nahm man sie im Pfarrhaus auf; im oberen Stockwerk fand eine weitere Flüchtlingsfamilie Platz, die Familie Schiewak. In dieser Familie gab es sechs Kinder; deshalb erhielten die Schiewaks eines Tages den Bezugsschein für das letzte noch zu schlachtende Schwein im Dorf. Die Familie unter ihnen ging leer aus. Das hat sich der Frau als Kind tief eingebrannt. Sie erzählte:

Sprecherin: Als die Schiewaks über uns ihr Schweineschlachtfest lauthals mit einer Morgenandacht begannen, saßen wir unten enttäuscht und hungrig zusammen. „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen!“, schmetterten sie oben. Und meine Mutter stimmte mit trotziger Stimme dagegen an: „Gib dich zufrieden und sei stille.“ Seitdem mag ich dieses Lied nicht.

Erfahrungen wie diese können uns den Zugang zu einem Lied für immer verstellen. Dann bleibt das Lied mit einer einzigen misslichen Situation verbunden – und ist gründlich verdorben. Nein, so ergeben will ich nicht singen – und ich will andern nicht zumuten, so singen zu müssen. Zugleich rühren diese Worte an eine tiefe Sehnsucht. Gib dich zufrieden und sei stille! Ähnlich wie viele Psalmen der Bibel wendet sich dieses Lied von Paul Gerhardt an das Innerste des menschlichen Lebens.

2. MUSIK
Sprecher: (overvoice)
Wie dir´s und andern oft ergehe,
ist ihm wahrlich nicht verborgen;
er sieht und kennet aus der Höhe
der betrübten Herzen Sorgen.
Er zählt den Lauf der heißen Tränen
und fasst zuhauf all unser Sehnen.
Gib dich zufrieden!

Das Lied entstand vermutlich an einem Tiefpunkt in Paul Gerhardts Leben im Jahr 1666. Als Pfarrer in Berlin hatte er sich strikt geweigert, einen Erlass des Großen Kurfürsten zu unterschreiben. Der Fürst versuchte in Bereiche des Glaubens hineinzuregieren und dadurch seine Macht zu sichern. Gegen solche Vermischung von Obrigkeit und Kirche wandte sich Paul Gerhardt mit Eifer – und wurde daraufhin von seiner Berliner Pfarrstelle suspendiert. In dieser Situation dichtete er den Choral Gib dich zufrieden und sei stille. Es ist also ursprünglich ein politisches Lied. Das Lied eines aufgewühlten, wütenden, gedemütigten Pfarrers, der darum ringt, trotz innerer Auflehnung zum Frieden fähig zu werden.

3. MUSIK
Sprecher (overvoice):
Nimm nicht zu Herzen, was die Rotten
deiner Feinde von dir dichten;
lass sie nur immer weidlich spotten,
Gott wird´s hören und recht richten.
Ist Gott dein Freund und deiner Sachen,
was kann dein Feind, der Mensch, groß machen?
Gib dich zufrieden! (Strophe 11)

Paul Gerhardt weiß: Die eigentliche, die schlimmste Rüstungsfabrik in der Welt ist ein Herz, in dem Unrast und Unfrieden hausen, in dem Rache und Habgier den Takt vorgeben. Er hat - auch an sich selbst! - erfahren, wie viel Bosheit aus einem verängstigten Herzen kommen kann, wie viel Zerstörung bisweilen aus einer beschädigten Seele aufsteigt. Und so dichtet und singt er in seiner Bedrängnis dem Innersten des Menschen zu: Gib dich zufrieden und sei stille! Doch das ist erst die halbe Wahrheit. Die ganze heißt: Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens! Der Unterschied scheint belanglos – und ist doch gewaltig.

Das mag die kleine Szene zeigen, die ich in einem Taufgottesdienst erlebte. Ganz vorne sitzt die Mutter mit ihrem etwa zwei Monate alten Täufling. Während der Predigt wird das Kind unruhig. Die Eltern versuchen, das Kind zu beruhigen. Sie wiegen und streicheln es, sie reden gut zu und machen allerlei Faxen – vergeblich. Da greift die Mutter zum einzigen Mittel, das ihr noch bleibt: Sie knöpft ihre Bluse auf und stillt das Kind. An ihrer Brust trinkt es sich satt und gibt sich zufrieden.

Am Anfang sollte das Kind einfach still und zufrieden sein. Gut durchhalten und nicht stören. Das misslingt, denn weder Stille noch Zufriedenheit lassen sich verordnen.
Dann jedoch bekommt der Täufling durch seine Mutter zu spüren, was wahre Stille ist. Er wird gestillt. Wahre Stille hat etwas mit Fülle zu tun. Da werden Hunger und Durst befriedigt. Wahre Stille stellt nicht ruhig – sie macht satt. Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens. Um in dem Bild des Täuflings zu bleiben: Wer so singt, wird Gott an die Brust gelegt mit seiner Seele, die sich nach Frieden sehnt.

4. MUSIK
Er hört die Seufzer deiner Seelen
und des Herzens stilles Klagen,
und was du keinem darfst erzählen,
magst du Gott getrost wohl sagen.
Unglück und Not kann er bald wenden,
hat auch den Tod in seinen Händen.
Gib dich zufrieden!

Der Liederdichter weiß darum, wie sehr wir uns mancher Sehnsucht schämen. Wie wir manche Not und manche Angst nicht einzugestehen wagen. Und wie wir daran ersticken müssten – wenn wir´s nicht Gott ans Herz legen könnten.

In diesem Wissen macht das leise, behutsame Lied stark. Es will uns zu Friedensstiftern machen, die vom Frieden Gottes erfüllt sind und zugleich mutig und aufrecht widerstehen können. So, wie ein Paul Gerhardt seinem Kurfürsten bis zuletzt widerstand und lieber die Pfarrstelle verlor, als gegen sein Gewissen zu handeln. Zu solchem Frieden mag kommen, wer um eine letzte Geborgenheit weiß. Auch im Tod. Paul Gerhardt singt davon – und macht sich selbst und uns des Lebens gewiss:

5. MUSIK
Sprecher: (Overvoice)
Er wird uns bringen zu den Scharen
der Erwählten und Getreuen,
die hier mit Frieden abgefahren,
sich auch nun im Frieden freuen,
da sie den Grund, der nicht kann brechen,
den ewgen Mund selbst hören sprechen:
„Gib dich zufrieden!“

 Musikinformationen

1. Musik:
CD-Titel: J.S. Bach: Ein Choralbuch für Johann Sebastian Bach
Track-Titel: Gib dich zufrieden und sei stille
Text: Paul Gerhardt
Komponist: Johann Sebastian Bach
Solist: Stella Doufexis
LC-Nr.: 06047
Verlag: Hänssler-classic

2. Musik:
CD-Titel: Paul-Gerhardt-Lieder
Track-Titel: Gib dich zufrieden und sei stille
Text: Paul Gerhardt
Melodie: Jakob Hintze 1670
Satz: ERF-Wetzlar
Chor: ERF-Studiochor
Leitung: Gerhard Schnitter
LC-Nr.: 06314
Verlag: ERF-Verlag

3. Musik:
Track-Titel: Gib dich zufrieden und sei stille
Text: Paul Gerhardt

4. Musik:
CD-Titel: Loben-Bitten-Danken – Festliche Bach Choräle
Track-Titel: Gib dich zufrieden und sei stille
Text: Paul Gerhardt
Melodie: Jakob Hintze
Chor: Bach-Chor Siegen
Leitung: Ulrich Stötzel
LC-Nr.: 12055
Verlag: Gerth Music

5. Musik:
CD-Titel: WDR-Kompilation
Track-Titel: Gib dich zufrieden und sei stille
Komponist: Johann Sebastian Bach
Solist: Rosalyn Tureck
LC-Nr.: 00149


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