Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.10.12; Präses Annette Kurschus

Gut gemeint ist noch lange nicht gut

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Er war eine unglückliche Gestalt: fettige Haare, pickeliges Gesicht, dicke Brille, tapsiger Gang.

In unserer damaligen Schulklasse war er ein absoluter Außenseiter. Die einen hänselten ihn und machten sich lustig. Andere spielten ihm üble Streiche. Und einige taten, als gäbe es ihn gar nicht. Heute würden wir sagen: Er wurde gemobbt. Jeden Morgen brachte ihn seine Mutter zur Schule. Und jeden Morgen verabschiedete sie sich von ihm mit einem Kuss. Vor den Augen seiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Sie meinte es gut. Und ahnte wohl nicht: Sie machte es schlimmer. Jetzt riefen ihm die Mitschüler höhnisch nach: „Muttersöhnchen“, „Mamas Liebling“.

Es ist verrückt: Ausgerechnet eine besonders gute Absicht kann ungewollt das glatte Gegenteil bewirken. Gut gemeint ist noch lange nicht gut. Da will jemand ein ehrliches Kompliment machen – und stellt es in seinem Eifer so ungeschickt an, dass seine Worte zutiefst kränken. Da treiben Eltern ihren begabten Sprössling Tag für Tag zum Üben ans Klavier – und erreichen, dass der Junge jegliche Lust an der Musik verliert. Da macht eine Freundin immer wieder viel zu teure Geschenke – und die Beschenkten fühlen sich bedrängt und ziehen sich zurück.

Dieses verrückte Phänomen taucht bereits im Neuen Testament der Bibel auf. Und zwar dort, wo es um die Aufgabe der Jünger geht. Jesus beauftragt sie: „Gebt weiter, was ihr von mir gehört und mit mir erlebt habt.“ Die gute Absicht ist klar: Die Jünger sollen die Erfahrungen mit Jesus lebendig halten: Wie er die Menschen ansah und wichtig nahm; wie er sie aufrichtete und heilte; wie er sie von Schuld befreite und zur Veränderung ermutigte; wie er ihnen Gleichnisse erzählte und vom Reich Gottes sprach. Von Generation zu Generation wurden seitdem die Geschichten von Jesus weitergegeben. Über Jahrtausende hinweg. Bis heute.

Für diesen schlichten Vorgang des Weitergebens steht in der Bibel ein Wort mit zwei unterschiedlichen Bedeutungen: Weitergeben – und Verraten. Wenn wir die Liebe Gottes weitergeben, kann das offenbar auch daneben gehen.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich in bester Absicht bei einer Trauung den biblischen Psalm betete, in dem es heißt: „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“ Die Braut zuckte bei diesen Worten erschrocken zusammen. Später hat sie mir erzählt, welche traumatischen Erfahrungen sie als Kind mit ihrem Vater machen musste. Das Bild des Vaters, das mir viel bedeutet, war für sie ein abstoßendes, angstbesetztes Bild. Gott rückte ihr dadurch nicht näher. Er wurde ihr düster und gefährlich.

Gottes Liebe weitergeben – oder verraten: Ich ahne seit dieser Erfahrung, wie nah beides beieinander liegt. Manche erzählen vom christlichen Glauben so, dass es abschreckt, unter Druck setzt und Beklemmung verursacht. Da wird aus dem weiten Raum des Vertrauens ein enges Gefängnis der Angst. Obwohl alles nur gut gemeint war. Vielleicht braucht mein Gegenüber etwas ganz anderes als das, was ich gerade für wichtig und hilfreich halte. Manchmal reicht es schon, schlicht nachzufragen: Wie geht es Dir gerade? Was willst du? Was brauchst du? Was täte dir wohl? Jesus vertraut uns, seinen heutigen Nachfolgerinnen und Nachfolgern, seine Sache an.

Ein Risiko ist das – zwischen Weitergeben und Verraten. Wie gut, dass er uns damit nicht allein lässt.Ich halte mich an seine Zusage: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“
Darauf ist Verlass. Auch in der neuen Woche.

Verlassen Sie sich drauf! Annette Kurschus aus Bielefeld, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

 

Audiobeitrag Gut gemeint ist noch lange nicht gut


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