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Menschenfischer
Guten Morgen, lieber Hörer, lieber Hörerin! Haben Sie das auch schon erlebt? Verwirrend ist es; eigentlich sogar erschreckend:
Da duftet es aus einem Geschäft herrlich nach frisch gebackenen Brötchen. Betört folge ich dem Duft und stelle im Geschäft fest: Hier gibt es gar kein Brot zu kaufen. Da lockt mich ein süßer Erdbeerduft in den Laden einer Einkaufspassage ich trete ein, doch von Erdbeeren weit und breit keine Spur. Da versetzen mich Rosmarin-, Zitronen- und Pfefferminzdüfte am Flughafen in Urlaubsstimmung, obwohl ich nur da bin, um eine Freundin abzuholen. Im Möbelgeschäft riecht es nach Adventsgebäck, und sofort wirken die Polstersessel besonders heimelig. Duft-Marketing nennt man das, habe ich mir sagen lassen. Oder Air Design.
Damit werden Kunden geködert. Über den Geruchssinn sollen sie angelockt werden und es funktioniert.
Es gibt noch ganz andere Köder. Eine Freundin zum Beispiel erzählte mir kürzlich, sie werde von ihrem Chef permanent über den grünen Klee gelobt. Am Anfang tat ihr das gut, bald aber stellte sie fest: Lob kann auch eine Falle sein. Du machst immer mehr und mehr, damit Du Dir das nächste Lob verdienst. Und irgendwann merkst Du: Das Lob dient nur dazu, Dich anzutreiben. Ob Duft-Marketing oder Lobfalle: Tagtäglich beschäftigen sich ganze Zweige der Industrie und der Wirtschaft damit, wie sie uns ködern können: Unser Geld, unsere Zeit, unsere Leistung, ja selbst unsere Kreativität und unsere Ideen wollen sie haben. Nicht immer dient das einem guten Zweck. Ungesundes Essen kommt dabei heraus. Unnütze Gegenstände. Überarbeitete und überforderte Menschen.
Unwillkürlich denke ich an solche Köder, wenn ich höre, wie Jesus zu seinen Jüngern sagt:
Sprecher: Kommt mit mir und folgt mir nach! Ich will euch zu Menschenfischern machen. (Markus 1, 16f.)
Menschen fischen: Das klingt verdächtig. Wie Menschen angeln hört es sich an; wie Menschen einfangen mit einem Netz. Ködern eben. Eine unangenehme Vorstellung. So will ich mit Menschen nicht umgehen.Und so möchte ich selbst nicht für eine Sache vereinnahmt werden. Ich will euch zu Menschenfischern machen, sagt Jesus. Was er meint, müsste eigentlich eher Menschengewinner heißen. Menschengewinner sind keine Köder-Spezialisten. Sie locken nicht, sie stülpen anderen nichts über.
Menschengewinner können begeistern und anstecken. Menschengewinner brennen für eine Sache und wollen etwas bewegen. Sie zeigen anderen, was sie lieben.
Menschengewinner, die in der Nachfolge Jesu unterwegs sind, werden die Welt verändern. Weil sie mit Gottes Kraft im Rücken unterwegs sind. Die Menschengewinner, die Jesus damals losschickte, stelle ich mir so ähnlich vor wie Tante Lischen. Tante Lischen war für meine Brüder und mich eine Art dritte Oma. Sie hatte eine unvergleichliche Art zu wärmen und zu leuchten. In ihrer Gegenwart war ich getröstet. Wenn ich in ihrer Küche auf dem Sofa ein Schmalzbrot aß, fühlte ich mich zu Hause und geliebt. Auch dann, wenn sie streng war, weil ich etwas ausgefressen hatte. Tante Lischen war eine fromme Frau. Man konnte ihr unmittelbar abspüren, was sie glaubte und wovon sie lebte. Die Liebe, von der sie sich geliebt wusste, gab sie weiter. Wie ein Backofen voller Güte. Sie arbeitete im Gemeindebüro unserer Kirchengemeinde. Dieses Büro war durch sie ein Ort geworden, an dem Menschen ihr Herz ausschütten konnten. Es kamen viele. Auch solche, die gar nicht zur Gemeinde gehörten. Bei Tante Lischen war Raum zum Weinen. Und zum Schweigen. Zum Lachen auch. Wer das Gemeindebüro verließ, hatte gespürt, was es heißt, angenommen zu sein. Ob Sie auch solche Menschengewinner kennen?
Einen guten Tag wünscht Ihnen Annette Kurschus aus Bielefeld, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Menschenfischer
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