Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.10.12; Präses Annette Kurschus

Wer ist der Beste?

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Einmal war Jesus mit seinen Jüngern unterwegs, als die Jünger miteinander stritten. Zu Hause angekommen, fragte Jesus:

Was habt ihr auf dem Weg verhandelt?

Sie schwiegen; denn sie hatten unterwegs darüber gestritten, wer von ihnen der Größte wäre. (Markus 9,33-35)

Vielleicht haben sie sich damals geschämt, die Jünger, als Jesus sie bei ihren Konkurrenzkämpfchen erwischte. Und es ist ja wirklich peinlich, dieses Schielen: Wer von uns steht am besten da? Von Kindern kennen wir das: „Mein Papa ist der liebste!“ „Unser Auto ist das größte!“ „Meine Mama backt den besten Kuchen!“ „Meine Puppe ist die schönste!“ Wer in Zeitschriften blättert oder eine Model-Casting Show im Fernsehen verfolgt, hat es unmittelbar vor Augen: Attraktiver musst du sein, dünner, makelloser als alle anderen. Dann hast du Chancen. Nur dann.

Leider beschränkt sich die Sache nicht auf kindische Sandkastenparolen und befremdlichen Medienrummel. Wir selbst sind darein verstrickt. Tagtäglich. Und zwar gnadenlos. Allerdings läuft das Spiel unter uns meistens verdeckt und subtil. Hier fällt eine spitze Bemerkung. Dort streift mich ein gönnerhafter Blick. Da wird heimlich ein Gerücht über die Kollegin gestreut. Da erzählt jemand wie beiläufig von seinen großen Verdiensten. Es ist ein seltsames Phänomen: Wo verschiedene Menschen zusammen sind, geraten sie unwillkürlich ins Vergleichen und Bewerten. Der oder die andere ist nicht einfach anders. Er oder sie ist erfolgreicher oder beliebter oder belesener oder edler angezogen. Wer weiterkommen will im Beruf, muss besser sein als die anderen. Und wenn sich ehemalige Schulkameradinnen und Schulkameraden nach vielen Jahren wieder begegnen, beginnt die erste Kontaktaufnahme in der Regel mit taxierenden Fragen: Was machst du heute? Wie weit hast du es beruflich gebracht? Wie viele Kinder hast du? Ein eigenes Haus? Ein gutes Einkommen? Glücklich macht solches Vergleichen nicht. Im Gegenteil. Der dänische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal gesagt: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“

Seinen Jüngern hat Jesus damals den Rat gegeben: Brüstet euch nicht mit Erfolgen und Verdiensten. Schielt nicht danach, ob andere besser oder schlechter dastehen als ihr.

Die wirklich Größten sind für mich diejenigen, die nicht dauernd selbst im Mittelpunkt stehen wollen. Die wirklich Besten blicken mit Achtung auf andere. Sie sehen, wenn jemand Hilfe braucht. Sie spüren, wenn jemand traurig ist. Sie hören, wenn jemand weint. Hochachtung habe ich vor denen, die sich um andere kümmern. Echte Größe haben die Menschen, die andere unterstützen und fördern. Die den Mut aufbringen, andere neben sich groß und größer werden zu lassen. Es ist ein Trugschluss, dass du selbst dadurch kleiner wirst.

Von Jesus ermutigt, könnten wir gelassen werden. Andere getrost anders sein lassen. Mir geht dadurch nichts ab. Gerade weil die andere anders ist, bleibe ich einzig und unverwechselbar und werde da gebraucht, wo ich bin. Gerade weil Sie anders sind als Ihr Kollege, anders als Ihre Nachbarin, anders als Ihr Chef, kommt es auf Sie an. Wären Sie nicht auf Ihre Weise an Ihrem Ort, würde Entscheidendes fehlen.

Denken Sie daran heute – wenigstens dann und wann!

Ich versuch´s auch. Einen guten Tag! Annette Kurschus aus Bielefeld, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

 

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