Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.10.12; Pfarrer Joachim Gerhardt

Gnadenakt

Er ist eingesperrt, hinter Mauern, seit Jahrzehnten. Zu Recht verurteilt wegen Mord. Keine Frage: schuldig. Auch nach Jahren. Immer noch schuldig. Das gilt.

So war das Urteil. – Hoffnung? Keine. Oder doch? Manchmal ja. Aus Gnade. Auch bei uns in Deutschland. Wenn es dem Bundespräsidenten gefällt. Es gibt Gnadengesuche.

Bei uns in Deutschland finden sie eher im Verborgenen statt. Große Presse, wie vor einigen Jahren bei den Terroristen Christian Klar, finden sie nicht. Das Gnadengesuch wurde damals übrigens abgelehnt.

In anderen Ländern, gerade da, wo der Rechtsstaat nicht so stark ist, gibt es öfter Gnadenakte. Sie sind meist verbunden mit einer großen Inszenierung: Schaut her Volk, wie ich, der gütige Herrscher, vergebe! Denn nur ich bin es, der in meiner Vollmacht, das letzte Wort hat, das letzte Maß setzt. Ja, fast so wie Gott selbst.

Mir läuft es bei solchen Gnadenakten kalt den Rücken runter. Aus welchem Geist rührt die Gnade? Ist es die Einsicht, dass Richter irren können? Ist es die Einsicht, dass Leben ohne Vergebung keinen Neuanfang findet? – Weltweit gesehen wohl eher seltener. Es ist eine Machtdemonstration.

Gnadenakt – das klingt nach großer Politik. Das gibt ihn aber auch im persönlichen Bereich. Die Bibel erzählt davon: Josef im Alten Testament. Einer, der von seinen Brüdern oft gedemütigt wird. Dann aber steigt dieser Josef zu großer Macht auf. Und er darf über seine Brüder richten. Sie sind ihm ausgeliefert. Eine spannende Geschichte mit dieser beklemmenden Szene. Josef entscheidet über Leben und Tod. Und er übt Gnade, heißt es.

Zwei kleine, aber wichtige Dinge sind in dieser Geschichte anders: „Josef weint“, wird erzählt. Weil er ahnt, dass er auch selbst – wie jeder Mensch – seine Anteile hat an Unrecht, Neid und Missgunst. Weil Josef tief in seinem Inneren spürt, wie auch in ihm Macht und Ohnmacht oft nah beieinander liegen.

Und ein Zweites: Josef verweist auf Gott. Nicht er, sondern Gott allein ist der Richter, der Herr über Tod und Leben, ein für alle Mal, sagt er. So fällt am Ende kein Vorhang über den Gnadenakt und kein Volk, kein Publikum jubelt. Ganz unspektakulär wird erzählt, wie Josef seine Brüder tröstet und „er redet freundlich mit ihnen“, heißt es.

Gnädig sein, das heißt „freundlich reden“. Das gefällt mir. Vergebung ist eben keine Sache von großen Worten. Es geht um die innere Einstellung. Und Vergeben heißt auch Abgeben – in diesem Fall an Gott. Die Dinge einfach mal gut sein lassen. Genau das macht doch unser Miteinander aus.

Solche Gnadenakte wünsche ich mir öfter in unserer Welt. Von Königen, Kaisern und Präsidenten, aber genauso auch im meinem ganz persönlichen Umfeld. Und dann kann ich spüren, was Martin Luther so wunderbar gesagt hat: „Dem Nächsten vergeben, das macht mich sicher und gewiss, dass Gott auch mir vergeben hat.“

 

Audiobeitrag Gnadenakt


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