Wunder am Wegrand
Mitten auf dem Weg liegt ein Etwas. Mein Hund kläfft aufgeregt, reißt an der Leine. Es ist früh morgens. Schleierwolken hängen noch tief über dem Wald. Das Etwas atmet noch.
Es ist ein ganz, ganz kleines Rehkitz. Es atmet, aber es bewegt sich nicht. Braune Augen schauen mich an: erschöpft, traurig? am Ende seiner Kräfte; am Ende eines viel zu kurzen Lebens?
Was soll ich machen? Einfach liegen lassen? Auf jeden Fall nicht anfassen, warnt eine Stimme in meinem Kopf, sonst hat es überhaupt gar keine Chance mehr, falls seine Rehmutter noch irgendwo ist und nach ihrem Kleinen sucht. Also einfach liegen lassen? Also ja, ich lasse es einfach liegen; mein Hund und ich gehen weiter. Aber der Blick: zu Tode erschöpft, resigniert, lässt mich einfach nicht los.
Auf dem restlichen Weg habe ich gebetet. Dass Gott entweder ein Wunder geschehen lässt und die Rehmutter ihr Kleines findet, dass das Kleine noch so viel Kraft hat, um sich aufzurichten und seine Mutter findet. Oder dass Gott es in aller Ruhe sterben lässt, und es nicht von anderen Tieren aufgefressen wird.
Am nächsten Morgen bin ich denselben Weg nochmal gegangen. Keine Spur mehr vom Rehkitz.
Ist es mit Haut und Haaren aufgefressen worden? Oder hat es seine Mutter wiedergefunden? Ich weiß es nicht. Aber: Hoffen kann man immer. Und beten auch. Weil ich weiß: Wunder geschehen.
Sprecherin : Alexa Christ
Wunder am Wegrand
|