Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.10.12; Pfarrerin Kerstin Hanke

Der Mann im Mond

Sprecher: „O sähst du, voller Mondenschein, Zum letzenmal auf meine Pein, Den ich so manche Mitternacht An diesem Pult herangewacht:

Dann über Büchern und Papier,
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach! könnt ich doch auf Bergeshöhn
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden! „ (1)

Autorin: Wenn der Kreis des Mondes sich am Himmel rundet und die Nacht mit sanftem Schein erhellt, wer wollte dann nicht mit Dr. Faustus den Mond anseufzen?

Der Mond war schon immer ein Ort der Sehnsucht. Ich sehne mich fort von der irdischen Schwere mit ihrer Mühsal, fort von den grellen Lichtern, die unsere dunkeln Geheimnisse nicht wahren wollen. Ich sehne mich in seinen schwerenlosen Raum. Unbeschwert, zeitlos treibend, entleert und mit Stille gesättigt. „Wanderer am Himmel“ hieß der Mond im Althochdeutschen. Der silberne Herrscher der Nacht taucht alles in ein weiches Licht, mildert die harten Konturen oder lässt sie ähnlich dem Nebel verschwimmen. Treu begleitet er den Erdball. Nimmt zu und ab, gewinnt an Fülle und entleert den Nachthimmel. In Monden messen wir die Zeit, gliedern das Leben. Die alten Kulturen verehrten den Mond als Gottheit, nannten ihn mit vielfältigen Namen. Erhofften Fruchtbarkeit und Wohlergehen von ihm.

Vom Thron der Gottheit allerdings holt ihn der biblische Schöpfungsbericht herunter. Nicht, ohne dem Mond seinen Platz zu geben am Himmel und in unserem Leben.

Sprecher: 14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre 15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf Erden. Und es geschah also. 16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. 17....Und Gott sah, dass es gut war. 19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. (2)

Autorin: Lieber Gott, das ging nicht nur dir einfach von der Hand. Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht. Zeichnerische Schöpfungsfreude habe ich schon im Kindergarten am Mond gelernt. Und dazu jede Menge Geschichten über den Mann im Mond. Abenteuerliche etwa: wie man einem Sumsemann das gestohlene sechste Bein wiederholt. Kulinarische: dass der Mond ganz aus Käse besteht. Und dass man den Mond auch ordentlich ärgern konnte.

Sprecher: "'Junge", sagte der gute alte Mond, 'hast du noch nicht genug?' 'Nein!' schrie der kleine Häwelmann, 'mehr, mehr!' und - hast du nicht gesehen! fuhr er dem alten guten Mond quer über die Nase, dass er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde." (3))

Autorin: Ich habe brav mit Matthias Claudius für den kranken Nachbarn gebetet, wenn der Mond aufgegangen war. Allein - viel vom Mond zu sehen bekam ich nicht. Da war meine Mutter unerbittlich. Wenn der Mond am Abendhimmel erschien, dann war Schlafenszeit.

Musik La le lu, Dolly Singers

Autorin: Schaute mir wirklich ein Mondmann zu? Heimlich schlich ich mich ans Fenster, um in den Himmel zu schauen. Wenn ich die Augen zusammenkniff und der Phantasie freien Lauf ließ.... Zwinkerte mir da nicht der Mond ermutigend zu? Er schien zum Greifen nahe. Und war doch so fern und unerreichbar.

2. Musik Answered Prayers, David Sylvian, CD Camphor

Autorin: Schon immer richteten Menschen so ihren Blick auf den Mond. Mit Linsen und Teleskopen kamen sie ihm immer näher, vermaßen seine Landschaften. Schon mit bloßem Auge sind helle und dunkle Flecken erkennbar. Die dunklen Ebenen hielt man für Meere. Denn der Mond musste doch so ähnlich beschaffen sein wie die Erde. Und daher fanden sich Namen, die mehr mit der Erde als mit dem Mond zu tun hatten. Poetisch klingen die Phantasienamen bis heute: Meer der Ruhe, Wolken- und Regenmeer, Meer der Kälte. Ein gewisser Giovanni Battista Riccioli, Astronom und Zeitgenosse Galileo Galileis hatte dagegen den Ehrgeiz jeden Krater und jeden Gebirgszug nach einem großen Astronom und Mathematiker zu benennen. Aber dann gingen ihm die Namen der Astronomen aus. Man wusste sich mit anderen Forschern zu behelfen. Menschennamen gruben ihre Initialen in die Mondlandschaft.

Und eines Tages waren da dann wirklich Menschen auf dem Mond.

CD Man on the Moon Neil Armstrong -Apollo Take off

Autorin: Am 21. Juni 1969, 3 Uhr 56 MEZ betrat der erste Mensch den Mond.

CD Man on the Moon Neil Armstrong This is one small

Autorin: Der berühmte kleine Schritt für den Menschen, der ein großer Sprung für die Menschheit sein sollte, Neil Armstrong machte ihn mit dem linken Fuß. Stiefelabdrücke zu hinterlassen gehört zu den Privilegien der Pioniere. Der Mond war entzaubert. Noch weitere 11 Astronauten sollten Armstrongs Beispiel folgen und in unförmigen Ballonanzügen über den Mondboden tapern, in ihm buddeln wie in einem Sandkasten. Und mit Mondfähren dem guten alten Mond quer über die Nase fahren wie schon der kleine Häwelmann. Staunend blickten wir auf die grobkörnigen Fernsehbilder: Technik und Fortschrittsglaube. Die Idee des „anything goes.“ Hier war sie quasi für die Ewigkeit in den Staub gedrückt. Das unerreichbare Symbol war berührt. Noch in Jahrmillionen Jahren wird unser Erdtrabant diese Fußabdrücke tragen. Und die amerikanische Fahne sowie diverse Rucksäcke und Moonboots, die Astronauten noch schnell aus der Luke warfen, bevor es hieß: Mission is over.

CD Man on the Moon Neil Armstrong Atmo.

Autorin: Zurück zur Erde. Die vom Standort Mond aus gesehen nun auf- und unterging. Das war ein radikaler Perspektivwechsel. Waren wir doch bislang Erdklöße. An unseren Planeten gefesselt, der gleichzeitig auch unser Nabel im Weltall war. Von ihm aus richteten wir unsere Suche nach den Sternen aus, nach unbekannten Galaxien, nach anderem Leben, anderen Formen von Liebe. Und nun sahen wir umgekehrt auf unsere Zerbrechlichkeit und Schönheit. Eine sehr kleine, blaue Heimat -treibend in unendlichen Weiten. Ein Staubkorn im All.

Musik Raumschiff Enterprise

Autorin: Den Mann im Mond haben die Astronauten nicht gefunden. Aber für einige von ihnen wurde der Raumflug zu einer spirituellen Reise. James Benson Irwin gehörte zur Apollo 15 Mission. Er war der achte Mensch, der seine Fußabdrücke auf der Mondoberfläche ließ. Über seinen Mondflug hat Irwin ein Buch geschrieben. „To rule the night“ - „Die Nacht beherrschen“. Es geht darin um den Mondflug, mehr und mehr aber um die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Sprecher: Wissen Sie, wenn man auf dem Mond gewesen ist und wieder auf die Erde zurückkommt, dann betrachtet man alles mit mehr Ehrfurcht. Ich bin wieder da, aber durch die Kraft Gottes. Ich fühlte seine Gegenwart auf dem Mond auf eine sehr unmittelbare und überwältigende Weise. Hier war ich, ein Testpilot, ein einfacher Techniker, der gelernt hatte, skeptisch über Gott zu denken. Und plötzlich ertappte ich mich dabei, dass ich Gott bat, meine Probleme auf dem Mond zu lösen. (6)

Autorin: Für Irwin wurde der Mondflug zu einem Glaubenserlebnis. Aus dem schnellsten Piloten der US-Air Force wurde ein tiefgläubiger Prediger, der unermüdlich von der Liebe Gottes erzählte. Spirituelle Erfahrungen machten auch andere Astronauten. Auch wenn sie es nicht immer mit dem christlichen Glauben verbanden. Wer sich buchstäblich auf die andere Seite des Mondes begibt, wird davon sicherlich in seiner Seele nicht unberührt bleiben können. James B. Irwin ging so weit von einem Mondflug für alle Menschen zu träumen:

Sprecher: „Wir glauben, dass die Erde verändert werden könnte, wenn man nur die Leute zum Mond bringen könnte. (…) damit sie es selbst sehen könnten... Wir glauben, dass die ganzen kleinlichen Streitigkeiten, die Kämpfe und die Feindseligkeiten eine große Verschwendung innerer Energien sind.“ (7)

Musik Fly me to the moon, Doris Day, Together

Autorin: 43 Jahre nach den Mondflügen haben wir zwar jede Menge Gesteinsproben und Erkenntnisse gewonnen, aber der große Sprung für die Menschheit? Der gilt längst schon anderen Zielen. Vom Mond zum Mars und darüber hinaus. Die Hybris des Menschen besteht nun mal darin kein Maß zu kennen oder zu akzeptieren. Werden wir im Jahre 2030 gebannt an großformatigen Plasmawaben hängen, um den ersten Schritt des Menschen auf einen weiteren Planeten zu beäugen? Was würde es ändern? Wenn wir den Traum des Astronauten Irwin vom Mondflug für alle ernst nähmen, würde sich der Mensch dann ändern? In einem spirituellen Sinn demütiger und gleichzeitig heiterer sein können? Braucht es wirklich eine menschenfeindliche Umgebung wie den Mond, um zu verstehen, wie harmonisch wir auf unserer Erde leben könnten, weil sie für uns gemacht ist? Ist der Mond dann so etwas wie ein Rotstift, der uns korrigiert, wenn wir das mal wieder vergessen sollten?

Nein, zum Mond werden wir nicht fliegen. Wollen wir Irwins Traum und unserer Sehnsucht folgen werden wir wohl mit den Füßen auf der Erde bleiben müssen, uns an etwas festhalten um stehen zu können, uns so weit wie möglich zurücklehnen und uns mit dem Kopf und dem Herzen dem Himmel öffnen…

Sprecher:
Dein ist der Tag, Dein auch die Nacht.“ (Psalm 74,16)Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du, Gott, bereitet hast
Doch auch der Mond bleibt in der Bibel nicht ewig am Firmament und unerreicht. Lange vor Neil Armstrong wird er symbolisch betreten. Im letzten Buch der Bibel wird ein blutroter Mond auf die Erde fallen. In seiner Vision von Ende der Welt entwirft die Apokalypse des Johannes gewaltige Schreckens- und Heilbilder. Die Erde verfinstert sich, die Sterne fallen vom Himmel und die Sonne wird weggefegt.

Der so gefallene Mond verspricht eine neue Zeit, eine neue Erde, einen neuen Himmel, ein andere Glaubenslandschaft.
Aber bis dahin wird noch so mancher Mond aufgehen.

Musik: Der Mond ist aufgegangen, Mybebop, Endlich authentisch

Sprecherin: Alexa Christ

Literatur
(1) Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke, Band 1 Die Faustdichtungen, Artemis Verlag, S. 10, 4-15
(2) Die Bibel, Das erste Buch Mose, 1, 14-19
(3) Theodor Storm, Ausgewählte Werke, Band 2, Der kleine Häwelmann,
Leipzig 1925,
(5) Interview James B. Irvin, zitiert nach Anne Kent Rush, Mond, Mond, 1976, S. 43 , 23-20
To rule the night: The discovery voyage of Astronaut Ji Irwin by James B. Irwin zitiert nach Anne Kent Rush, Mond, Mond, 1976, S. 34 , 27-33
(7) Interview James B. Irvin,, zitiert nach Anne Kent Rush, Mond, Mond, 1976, S. 44 , 4-8
Musik
( 1)La-le-lu, Dolly Singers, CD Swinging Evergreens (Jazz Club)Universal Music Classics & Jazz LC 00173
Answered Prayers, David Sylvian, CD Camphor (Bonus CD)
© 2002 Virgin Records Ltd #Label Code: LC03098

Apollo Take off and Landing, CD Man on the Moon – Amercian Astronauts, AEI Records

Neil Armstrong Steps On the Moon, CD Man on the Moon – Amercian Astronauts, AEI Records

Raumschiff Enterprise, The Royal Philharmonic Concert Orchestra & Mike Townend, CD Große Zukunftsromanthemen,
Silva Screen Records, LC 07371

Fly me to the Moon, Doris Day, Together, CD Global Journey
Der Mond ist aufgegangen, Mybebop, CD Endlich authentisch, Traumton LC 05597

 


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