Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.10.12; Präses Annette Kurschus

Wie eine Schulklasse...

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Neulich beim Aufräumen fiel mir ein altes Klassenfoto in die Hände.

Ungefähr im neunten oder zehnten Schuljahr muss das gewesen sein; leider fehlt das Datum.

Welch unterschiedliche Typen da auf dem Foto beieinander stehen! Breit grinsend und betont lässig die einen, schüchtern dreinblickend und stocksteif ein paar andere. Manche noch ganz und gar Kind, einzelne schon erstaunlich reif und erwachsen. Es gibt Gesichter, die fallen sofort auf und prägen sich ein. Andere haben anscheinend gar nichts Besonderes und bleiben blass.

Ich erinnere mich noch gut: Das war keine Gruppe von Freundinnen und Freunden. Manche hatten kaum etwas miteinander zu tun. Da gab es auch Ärger zwischendurch. Reibereien und Nickeligkeiten. Aber sie gehören alle in dieselbe Klasse. Das verbindet sie.

So ähnlich stelle ich mir das mit den zwölf Jüngern vor, die vor gut 2000 Jahren mit Jesus durch die Lande zogen. Eine Art Modellgruppe für unsere heutigen Kirchengemeinden. Keine Gruppe von lauter Gleichgesinnten. Sie haben damals nicht von selbst zusammengefunden, die Jünger; sie haben einander nicht ausgesucht. Manche kannten sich schon vorher; andere waren einander völlig fremd; einige waren miteinander verwandt. Jesus hat sie gerufen. Das verbindet sie.

Auch hier völlig unterschiedliche Typen. Damals bestand der engste Kreis der Zwölf aus Männern. Jedenfalls sind uns nur deren Namen überliefert. Heute wären selbstverständlich Frauen darunter.

Sprecher:
Jesus rief seine Jünger:
Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder,
Jakobus und Johannes;
Philippus und Bartholomäus;
Matthäus und Thomas;
Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot;
Judas, den Sohn des Jakobus,
und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde. (Lukas 6, 13-16)

Manche der Namen sind bekannt. Andere kaum. Schon damals gab es offenbar Mode-Namen, die häufig vorkamen. Und solche, die man kaum aussprechen kann. Von einigen der Jünger wird in der Bibel öfter erzählt. Von anderen erfahren wir außer dem Namen nichts. Auch das ist in Schulklassen und in Kirchengemeinden so: Da gibt es Typen, die fallen immer auf.

So wie Simon Petrus; der ist so eine Art Klassensprecher. Immer vorneweg und schnell mit dem Mund. Manchmal hat er sich in seinem Ehrgeiz ganz schön verrannt. Oder Thomas; ein eher ruhiger Typ – und dazu ein großer Bedenkenträger. Kritisch ist der; glaubt nichts, was er nicht sieht und was sich nicht zweifelsfrei beweisen lässt. Judas trug wohl den Geldbeutel, wenn die Zwölf unterwegs waren. Der Kassenwart sozusagen. Er ist leicht zu begeistern, ein ganz Treuer und Eifriger. Vermutlich ist er deshalb besonders tief enttäuscht, als mit Jesus alles so anders kommt als erhofft. Einen Lieblingsjünger hat Jesus auch: Johannes heißt der. Den holt Jesus gern in seine Nähe. Dabei brennen zwei andere aus der Truppe darauf, die Favoriten ihres verehrten Lehrers zu sein. Neben den Auffälligen gibt es andere, die machen kaum von sich reden –wie Andreas und Bartholomäus. Auch sie dürfen nicht fehlen.

Für eine gute Gemeinschaft sind oft gerade die Leisen im Hintergrund besonders wichtig. Mag sein, Sie haben bei den Jüngertypen an eigene Bekannte gedacht. Oder sind sich selbst wie in einem Spiegel begegnet. Kein Wunder: Jesu Leute sind heute so unterschiedlich wie damals. Der Auferstandene hat sie gerufen. Das verbindet sie.
Schauen Sie sich doch heute mal um: Welche Typen machen Ihre Gemeinschaft aus?

Ich wünsche Ihnen liebenswerte Entdeckungen! Annette Kurschus aus Bielefeld, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

 

Audiobeitrag Wie eine Schulklasse...


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen