Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.10.12; Pfarrer Joachim Gerhardt

Selbstbewusstsein

Der weise Rabbi Sussja lag früh am Morgen auf dem Sterbebett. Um ihn herum hatten sich seine engsten Schüler versammelt.

Und er sprach: „Da, wo ich jetzt hingehe, wird man nicht fragen: Warum bist du nicht wie Mose gewesen? Oder: Warum bist du nicht wie Abraham gewesen? Nein, man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“

Die jüdische Legende bricht mit dieser Frage ab. Von der Reaktion seiner Schüler wird nichts mehr erzählt. Doch ich stelle mir die große Betroffenheit vor. Ist doch das höchste Ziel eines frommen Schülers: so zu werden wie sein Lehrer! Das klingt gut und vorbildlich. Aber dieser Weg ist ein Holzweg. Vielmehr lautet der letzte Rat des weisen Rabbiners: Geht Euren eigenen Weg!

„Jeder von uns muss für sich selbst vor Gott Rechenschaft ablegen“, schreibt ganz ähnlich der Apostel Paulus. Übersetzt für uns heute heißt das: Es geht entscheidend im Leben darum, echt und authentisch zu sein.

In dem Freundschafts-Album meiner Tochter gibt es die Rubrik: „Ich möchte sein wie…“ Die Frage gab es auch schon zu meiner Kindheit. Die Antwort wollte gut überlegt sein. Sie fiel mir damals allerdings nicht schwer. „Wie Winnetou“ habe ich anfangs geschrieben. Der war immer so souverän und gerecht. Mit den Jahren habe die Antwort dann etwas differenziert und mehrere Namen angegeben: „Ich möchte gerne sein wie eine Mischung aus…“

Wenn jemand schrieb „Ich möchte gerne so sein wie ich selbst“, dann fand ich das ziemlich affektiert. War es vielleicht auch. Trotzdem denke ich heute: Es ist die größte Herausforderung im Leben, seinen eigenen Lebensweg zu finden. Und dazu gehört auch, sich so anzunehmen, wie man ist. Zu sich zu stehen, zu seinen eigenen Stärken und Schwächen. Nicht wie bei Winnetou. Da gab es nämlich keine Schwächen.

Ich glaube, schlechte Doubles gibt es genug in unserer Welt. Gott wünscht sich den Menschen, so wie er ihn erschaffen hat: einzigartig, unverwechselbar und – selbstbewusst. Also, das heißt: Ich bin mir selbst bewusst, dass ich meine Stärken kenne und meine Schwächen. Und ich kann Beides akzeptieren.

Am Ende wird man mich fragen: Bin ich ich gewesen. Eine große Frage. Bei Rabbi Sussja sogar die Frage auf der Schwelle von Leben und Tod.. Ich wünsche mir, dass Gott mir nicht erst auf dem Sterbebett, sondern schon jetzt den Mut und die Weisheit schenkt, der zu sein, der ich bin.

 

Audiobeitrag Selbstbewusstsein


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