Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.09.12; Pfarrer Joachim Römelt

Als ob es Gott gibt...

„Ich verstehe nicht, wie Du überhaupt an Gott glauben kannst,“ sagt ein guter Freund von mir in einem Gespräch.

Wir hatten über Fußball und Filme geredet, und irgendwie sind wir bei diesem Thema gelandet. Nicht, dass mein Freund generell etwas gegen religiöse Menschen hätte. Aber für ihn spricht einfach nichts für Gott in dieser Welt. Er sagt zum Beispiel: „Wenn Gebete erhört würden, dann müsste sich das statistisch nachweisen lassen.“ Und er sagt weiter: „Die Naturwissenschaften haben so überzeugende Modelle entwickelt die die Welt und das Leben erklären und dabei ohne Gott auskommen.“ Und weiter: „Gott“, sagt er, „Ist nichts als ein biochemischer Prozess in Deinem Gehirn. Du glaubst eine höhere Wirklichkeit wahrzunehmen, aber in Wirklichkeit werden da bestimmte Stoffe ausgeschüttet, die Dir dieses Gefühl vermitteln.“ Vor allem aber verweist er darauf, wie viel in dieser Welt gelitten wird, durchaus nicht nur durch den Menschen.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin Joachim Römelt, Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Solingen-Dorp

Ich versuche zu antworten, erzähle von meinen Erfahrungen, von dem, was mich überzeugt. Ich erzähle, welche Bedeutung Jesus für mich. Und gerade die Art, wie er mit Leid umgegangen ist. Und er schüttelt nur den Kopf und sagt: „Ich verstehe überhaupt nicht, was Du da redest! Für mich ist das, was Du da sagst, vollkommen sinnlos. Wenn es einen Gott gibt, der sich für Menschen interessiert, dann müsste dieses Interesse doch irgendwo sichtbar, spürbar, messbar, statistisch nachweisbar sein. Stattdessen machen uns die Erkenntnisse der Naturwissenschaft immer deutlicher klar, wie wenig Interesse an unserem Schicksal, in dieser Welt zu spüren ist.“ So ist das weiter gegangen, und wir haben uns dann irgendwann verabschiedet, freundlich und herzlich, aber ohne uns wirklich näher gekommen zu sein.

Mich hat dieses Gespräch seitdem sehr beschäftigt. Gerade weil wir an diesem Punkt so weit weg waren voneinander. Wir haben zwei verschiedene Sprachen gesprochen. Er hat von wissenschaftlichen Erkenntnissen gesprochen. Und ich von sehr persönlichen Erfahrungen. Und ich kann nicht hingehen und sagen: das ist Quatsch, was Du sagst. Ist es nicht wirklich so, dass in diesem Universum wenig von Interesse an unserem Leben zu spüren ist? Die Kräfte der Natur sind ohne Mitgefühl. Sie schaffen und zerstören Leben ohne jedes Interesse. Zum Beispiel die Bewegung der Kontinentalplatten: Wenn es sie nicht gäbe, hätten sich höhere Lebensformen kaum entwickeln können. Und gleichzeitig kann gerade diese Bewegung einen Tsunami auslösen, der Hunderttausende Menschen und Tiere auf einen Schlag vernichtet. Oder: Ich gehe durch einen Wald und bewundere seine Schönheit. Und ich sehe in diesem Moment gar nicht: all die wunderschönen Bäume, die hier stehen, das sind die Sieger. Wie viele andere Schösslinge sind mit ihnen aufgewachsen, waren langsamer, sind irgendwann eingegangen, weil die Schnelleren ihnen das Sonnenlicht weggenommen haben. Und überhaupt: Wie viel wird in dieser Welt gelitten einfach dadurch, dass das Leben so ist wie es ist, einfach durch das Prinzip, dass Leben sich nur von Leben ernähren kann. Die Katze meint es nicht böse, wenn sie mit der Maus spielt. Aber die Maus leidet.

Musik Imany, Titel The Shape of a broken heart, CD The Shape of a broken heart

Diese Welt ist beides: sie ist wunderbar. Und sie ist schrecklich. Und vielleicht haben die Naturwissenschaften den Blick dafür geschärft und manches romantische Bild in Frage gestellt, das wir gern mit der Schöpfung und dem Schöpfer verbinden. Dass es in dieser Welt eine Macht geben soll, die mit allem Leben empfindet, die Interesse hat an dem, was uns widerfährt, eine Kraft, der wir von Herzen vertrauen können, das können wir an den Ergebnissen der Naturwissenschaft nicht wirklich ablesen.

Wie gehen wir damit um? Leider hat Theologie und Kirche solche unbequemen Erkenntnisse immer wieder bekämpft oder ignoriert, wenn bekämpfen nicht mehr ging. Und das ist leider bis heute so. Schauen Sie nur in die USA, wo Christen versuchen, Darwins Evolutionstheorie aus den Biologiebüchern zu klagen. Und bei uns gibt es hier und da ähnliche Tendenzen. Das ist nicht nur grundfalsch, sondern einfach gefährlich. Natürlich ist die Evolutionstheorie ein Modell. Keiner von uns war dabei, als sich das Leben langsam entwickelt hat. Aber viele Indizien sprechen dafür, dass Darwin auf der richtigen Spur war. Das gilt es anzuerkennen. Und es ist wichtig, dass wir uns neu klar machen: Die Naturwissenschaften können uns keinen Beweis dafür liefern, dass es Gott wirklich gibt.

Und dann kann man hingehen und sagen: Der Blick der Naturwissenschaften ist eine wichtige Weise, diese Welt zu sehen und zu verstehen. Und es ist nicht die einzige.
Was wir wahrnehmen in dieser Welt, hängt auch davon ab, wie und mit welchen Augen wir diese Welt anschauen. Und wir müssen wählen, wie wir das tun. Wenn wir uns einfach hinstellen und sagen: Diese Welt muss mir erst mal beweisen, dass Gott da ist, dann werden wir wahrscheinlich kaum etwas von ihm erleben. Wenn wir dagegen sagen: Ich wage es, darauf zu hoffen, dass diese Welt „von guten Mächten wunderbar geborgen ist“, ich wage es, auch gegen den Augenschein, damit zu rechnen, dass es in diesem kalten und lebensfeindlichen Universum eine lebendige Kraft gibt, der wir vertrauen können, dann kann es sein, dass wir plötzlich ganz andere Erfahrungen machen. Der Theologe Jörg Zink beschreibt, wie für ihn als Kind öfter Bäume, Berge, andere Dinge durchscheinend, durchsichtig wurden für eine Welt, die er dahinter ahnte und glaubte. Für ihn war es Gewissheit, dass hinter den sichtbaren Dingen Gottes Wirklichkeit steht, eine Wirklichkeit, die wir mit unseren Erkenntnismöglichkeiten niemals fassen können. Die ganze Bibel ist eine Sammlung von Zeugnissen von Menschen, die ihre Erfahrungen mit dieser Wirklichkeit beschreiben, die wir Gott nennen.

2.Musik Musik Imany, Titel Slow down, CD The Shape of a broken heart

Erfahrungen, die wir mit Gott machen, sind etwas völlig anderes als Beobachtungen in einem wissenschaftlichen Experiment. Sie sind sehr persönlich. Sie sind nicht messbar. Wir haben etwas erlebt, und wir deuten es mit den Augen des Glaubens. Und wir können nicht beweisen, dass diese Deutung die richtige, die wahre ist. Nehmen wir die Ostererfahrung der Jünger und Jüngerinnen. Die tiefe und einschneidende Erfahrung, dass Jesus lebt. Angenommen, ein Team von Hirnforschern und anderen Wissenschaftlern wäre dabei gewesen und hätte die Jünger zeitgleich beobachtet und untersucht. Was hätten sie festgestellt? Sie hätten vielleicht ein paar außergewöhnliche Hirnströme messen können. Vielleicht eine hohe Konzentration bestimmter Neurotransmitter. Und dann hätten sie all diese Ergebnisse in einem Bericht festgehalten. Würde dieser Bericht beschreiben, was Ostern ist? Und was Ostern für diese Frauen und Männer bedeutet hat? Würde dieser Bericht etwas aussagen darüber, ob die Jünger gerade einer Halluzination erlegen sind – oder aber der tiefsten Wahrheit dieser Welt?

Die Naturwissenschaft kann weder das eine noch das andere beweisen. Denn wenn Gott wirklich existiert, dann ist er eben kein Gegenstand, den man beobachten und erforschen kann. Augustin hat sich das Universum wie einen Schwamm vorgestellt, der auf dem ewigen Meer der Gottheit schwimmt und ganz und gar davon durchdrungen ist (Aurelius Augustinus: Bekenntnisse, München 4/1986, S. 168) Wir sind bei allen Erkenntnisfortschritten weit entfernt davon, den Schwamm zu begreifen, in dem wir irgendwo winzig klein existieren. Wie sollten wir da das Meer auch nur ansatzweise erkennen und verstehen, das unser ganzes Universum trägt und durchdringt?

3 Musik Imany, Titel Slow down, CD The Shape of a broken heart

Was sollte ich meinem Freund in einem weiteren Gespräch sagen? Ich würde vielleicht sagen:
Du hast Recht. Dass mein Glaube keine Illusion ist, das kann ich Dir nicht beweisen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen mir, von welch überwältigendem Ausmaß die Welt ist, in der wir leben, welche atemberaubenden Möglichkeiten in den Teilchen und Wellen stecken, die unsere Welt bilden – und wie verloren wir sind in dieser Weite. Dass wir getragen sind und gehalten, dass wir gewollt sind und nicht einfach nur da, dass dieses Leben sich nicht einfach sinnlos in einem riesigen, kalten und gleichgültigen Universum abspielt, sondern dass es hinter und in all der dunklen Leere eine schöpferische, lebendige Macht geben könnte, die eine Beziehung zu uns hat, das ist etwas, was mir die Physik niemals sagen kann. Aber ich vertraue der Erfahrung von Menschen, die etwas von dieser lebendigen Macht erlebt haben. Ich vertraue vor allem diesem Mann aus Nazareth, die von dieser lebendigen Macht gesprochen hat – und aus ihr gelebt hat. Ich vertraue den Momenten, in denen ich selbst etwas von der Nähe und Wärme dieser Macht empfunden habe. Ich weiß, dass man diese Erfahrungen auch anders deuten kann. Aber ich deute sie so.. Ich will in dieser Welt so leben, als „wenn es wahr ist“, wie es in einer jüdischen Legende heißt. Ich will „leben, als ob es Gott gibt“ (Zitat Heinz Zahrnt, Leben - als ob es Gott gibt, München 1992, Titelseite). Und ich glaube – ich weiß es nicht, aber ich glaube! – dass ich damit nicht falsch liege. Ich glaube, dass diese Welt allein schon ein Geheimnis ist, das wir mit unserer Weisheit nie ergründen werden. Und da bin ich in guter Gesellschaft vieler Naturwissenschaftler, die sagen: Jedes Mal, wenn wir eine Tür in neue Bereiche des Wissens geöffnet haben, stehen wir vor vielen neuen. Das darf alle Gesprächsteilnehmer ein Stück bescheidener machen Wir reden ja oft so unbedarft von Gott, als wären wir gerade Schulter klopfend mit ihm um den Block gezogen. Wenn ich mir da die Erkenntnisse der Physiker anschaue, frage ich mich: Begreifen wir denn auch nur annähernd, was das heißt: Gott als Schöpfer dieses Universums zu glauben? Geht uns das nicht oft viel zu locker und naiv über die Lippen, gerade auch angesichts der dunklen Seiten dieser Welt? Da können wir uns von manchem Naturwissenschaftler Nachhilfe geben lassen: Im Überprüfen unserer Gottesbilder – und auch im Blick auf Demut gegenüber dem, den wir da als Schöpfer anbeten. Gott ist das Geheimnis dieser Welt! Wir können etwas davon verstehen, wenn wir Jesus anschauen. Aber erfassen können wir es nie.

Und wenn das klar ist, dann werden wir auch in dieser Schöpfung zwar keine Beweise für Gott finden. Aber wir können Hinweise auf ihn entdecken. Dann dürfen wir dankbar staunen über diese Oase des Lebens mitten in einem lebensfeindlichen Universum. Dann dürfen staunen darüber, wie unglaublich fein die Grundkräfte der Natur aufeinander abgestimmt sind .Und wie unglaublich verlässlich sie jeden Tag aufs Neue sind. Und können darin einen Hinweis auf den sehen, der diese Welt ins Sein ruft und erhält. Und dann dürfen wir, wenn wir durch die Wälder der Wupperberge oder anderswo gehen, von Herzen danken für das Geheimnis des Lebens. Das wir nie ergründen werden, am dem wir trotz allem vertrauen dürfen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Ihr Joachim Römelt von der Evangelischen Kirche.

4 Musik Imany, Titel Pray for help, CD The Shape of a broken heart

 


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen