Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.10.12; Desmond Bell

Sterben

Wie gut, dass Helmut nicht gefragt wurde. Helmut ist 48, Bautechniker, verheiratet, zwei Kinder, beide schon aus dem Haus.

Wie gut, dass Helmut nicht gefragt wurde. Als es ums Sterben ging. Neulich bei dieser Umfrage, in der Fußgängerzone. Helmut will nämlich nicht ans Sterben denken und schon gar nicht darüber reden, jedenfalls nicht mit Fremden, jedenfalls nicht in der Fußgängerzone.

Und er will eigentlich auch überhaupt nicht sterben. Und wenn doch, dann soll es ganz schnell gehen. Am besten einschlafen und nicht mehr aufwachen.

Manchmal muss Helmut aber doch ans Sterben denken. Er kann es nicht verhindern. Papa ist vor 6 Jahren gestorben, und letztens sein alter Schulkamerad Paul, bei einem Autounfall auf der A 3. Der war so alt wie er. Und dann sind da noch die Probleme mit dem Herzen. Nichts Ernstes, aber man fängt eben an, darüber nachzudenken.

Wenn Helmut dann ganz für sich ist, wenn er nicht den Kopf mit 1000 anderen Dingen zu hat, dann denkt er manchmal: Vielleicht möchte ich doch ganz bewusst sterben, mich auf mein Sterben vorbereiten. Dann sagt er sich: Sterben gehört nun einmal zum menschlichen Leben dazu. Die Chance, diese Erfahrung zu machen, habe ich nur einmal.

Helmut weiß: Wie und wann es eines Tages soweit sein wird, steht nicht in unserer Hand. Ob jemand einfach tot umfällt, ob er leiden muss, ob er sich lange auf seinen Tod vorbereiten kann, darauf haben wir keinen Einfluss. Aber wenn doch: Wer ist schon stark genug, sich einem solchen Abschied bewusst zu stellen?

Wenn er darauf vertrauen könnte, dass ihm sein Hausarzt und der Apotheker von nebenan ein schmerzfreies Sterben ermöglichen würden – klar, dann könnte er sich auch vorstellen, in Ruhe seine Angelegenheiten zu regeln und dann von allen Abschied zu nehmen - selbst bei einer schweren Krankheit.

Aber Helmut ist sich da unsicher: Was ist, wenn nicht? Wie soll ich Abschied nehmen, wenn ich nicht mehr klar denken kann? Wer darf mich sehen, wenn ich mich selbst nicht mehr sehen kann? Wen möchte ich dabei haben, wenn ich vor Schmerzen schreien muss? Und dann die unerträgliche Frage: Kann ich Nadine sagen, dass ich sie lieber nicht dabeihaben möchte - meiner Tochter, die sich alles immer so zu Herzen nimmt?

Und wäre es angesichts all dieser Fragen nicht doch besser, plötzlich und unerwartet zu sterben?

Diese Fragen lassen sich wirklich nur schwer beantworten. Schon deswegen, weil uns eben die Erfahrung fehlt. Wichtig ist mir allerdings, dass ich mir diese Fragen stellen darf, wenn es soweit ist. Dass sie nicht weggedrückt oder von anderen für mich entschieden werden, dass Zeit und Raum für sie da ist.

Nicht von ungefähr höre ich in diesem Zusammenhang immer häufiger das Wort „Hospiz“. Ein Hospiz begleitet Menschen beim Sterben und hilft, genau diese Fragen zu klären. Es ist ähnlich wie ein kleines Pflegeheim organisiert, hat aber meist nur wenige Betten - oder einen ambulanten Besuchsdienst. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden intensiv darauf vorbereitet, was es bedeutet, ein Lebensende in Würde zu begleiten. Auf sinnlose Therapien wird verzichtet.

Heute, am 14. Oktober, ist der sog. Hospiztag, er soll auf diese wichtige Arbeit aufmerksam machen. Er erinnert an die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich in der Hospizarbeit engagieren. Er ermuntert uns, für diese Arbeit zu spenden.

Und er lässt uns auch an unser eigenes Sterben denken: Wie möchte ich sterben? Was kann ich heute schon dafür tun, dass nicht einfach über mich entschieden wird? Wie kann ich sicherstellen, dass ich hilfreiche Helfer und Helferinnen an meiner Seite habe?

Wer das Sterben als Realität anerkennt, kann bewusster leben. Er sieht seinen Ängsten ins Gesicht – und das lässt sie kleiner werden.

 

Audiobeitrag Sterben


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