Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.10.12; Pfarrerin Antje Rösener

Wir pflügen und wir streuen (eg 508)

Autorin: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Erntedankfest! Morgen wird es in vielen Gemeinden und Gottesdiensten gefeiert. Ich erinnere mich noch an letztes Jahr:

Ich stand vor der Kirche und öffnete das schwere Portal. Kaum war ich über die Schwelle getreten, fiel mein Blick auf den bunt geschmückten Altar: Er quoll fast über, lauter Kartoffeln und Kürbisse, Äpfel und Birnen, Gurken und Tomaten, dazwischen blaue und gelbe Blumen und jede Menge Ähren. Ich stand einen Moment regungslos da und staunte: Was für eine Fülle. Haben wir es gut! Wie reich beschenkt uns die Natur.

Choral: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.

Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.

Autorin: Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land…- ein idyllisches Bild entsteht vor meinem inneren Auge. Ich sehe ein weites Feld vor mir, der Pflug hat darin tiefe Furchen geschlagen. Von Ferne nähert sich ein Bauer mit dicken Stiefeln und wirft bei jedem Schritt den Samen in das Land.

Was sind das für Bilder? Das gibt es doch gar nicht mehr in diesem Teil der Welt. Das gibt es nur noch in uralten Liedern oder auf uralten Bildern. Das Gemälde „Der Sämann“ von Vincent van Gogh fällt mir ein. Das ist nun schon fast 130 Jahre alt. Dieses Lied, das wir eben hörten, ist noch hundert Jahre älter. 1783 hat der berühmte Dichter Matthias Claudius den Text verfasst. Da war Deutschland noch ein Agrarland. Bauernhöfe wohin das Auge blickte. Da wurde zumeist noch mit Hand gesät. Ja, da passte so ein Lied.- Doch es wird immer noch gesungen, in fast allen Kirchen, morgen zum Erntedankfest.

Choral: Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.
Refrain
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.

Autorin: Mein Vater wurde auf einem Bauernhof in Ostwestfalen geboren. Er hat das noch erlebt, das Pflügen und Säen auf den Feldern. Damals in seiner Kindheit in den 30’er Jahren, da gab es noch viele Menschen, die auf den Feldern arbeiten konnten: Knechte und Mägde, der Bauer selbst…sie säten und fuhren die Ernte ein. Einen Mähdrescher gab es auf dem Hof meines Vaters damals auch schon, dazu noch die Pferde, die ihnen halfen – aber der Rest war Handarbeit. Tag um Tag. Woche um Woche. Vom Frühjahr bis zum Herbst.

Und tatsächlich – das erzählt mein Vater immer wieder – wie abhängig die Bauern vom Wetter waren. Von Tau und Regen, Sonne und Wind. Nicht nur bei der Ernte, die trocken eingefahren werden musste, auch schon vorher. War das Frühjahr zu kühl oder der Sommer zu nass, dann war die Not groß. Da ging so mancher bange Blick zum Himmel, da folgte so manches Stoßgebet.

Ich kann es mir lebhaft vorstellen: Wenn sich die Menschen eines Dorfes nach einer guten Ernte zum Erntedankfest in der Kirche trafen, dann wurde dieses Lied aus vollem Herzen geschmettert.

Choral: Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm
das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.
Refrain
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn

Autorin: Wir leben heute anders, wir sind längst nicht mehr so stark von der Natur abhängig wie damals. Wenn es zu wenig regnet, dann ziehen wir mit der Gießkanne los und haben auf den Feldern Bewässerungsanlagen.

Äpfel und Birnen sind im Supermarkt jederzeit zu haben – aus anderen Ländern der Welt. Alles nur eine Frage des Preises. Doch ist das Erntedankfest deshalb veraltet?
Was nah ist und was ferne – von Gott kommt alles her…

Vor einiger Zeit habe ich meinen 50. Geburtstag gefeiert. In den Wochen vorher ging mir vieles durch den Kopf. Was ist gewesen in diesen fünf Jahrzehnten? Welche Samen haben andere in mich hineingelegt? Welche Früchte sind aufgegangen? Was habe ich selbst gesät, welche Pflanzen sind verfault, was ist gesprossen, was durfte ich ernten?
Vor meinem inneren Auge häuften sich auf einmal die Gaben, die mir geschenkt worden sind: Wie die Früchte auf dem Altar lagen sie vor mir: Zwei Kinder, ein Beruf, den ich gerne ausübe, ein Freundeskreis, der zu mir hält, ein Partner an meiner Seite, Hobbies, die meinem Leben Farbe geben. Was für eine Fülle!

Es war ein ganz persönliches, stilles Erntedankfest, was sich da in mir abspielte. Seitdem weiß ich: Nein. Das Thema ist ganz und gar nicht von gestern.

Choral: Er läßt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf;
er läßt die Winde wehen und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot.
Refrain:
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn-

Autorin: Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot - Erntedankfest. Bei diesem Fest geht es um das Kleine, das wir in der Hektik so oft übersehen: Um das, was uns frisch und rot macht.  Um das, was meinen und Ihren Alltag frisch und rot macht! Was finde ich, was finden Sie - ja sagen wir es ruhig – auf dem Altar Ihres Lebens.
Was für Geschenke haben sich angehäuft im letzten Jahr, in all den Jahren?

Sprecher: „Danke für diesen guten Morgen,
danke für jeden neuen Tag,
danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag.
Danke für meine Arbeitsstelle
danke für jedes kleine Glück,
danke für alles Frohe, Helle
und für die Musik.“

Autorin: Erntedankfest – das ist ein Tag zum Innehalten. Um den Dank zu spüren, der sich in unser Herz schleicht, wenn wir auf das blicken, was uns geschenkt ist.
Natürlich – es gibt auch all das andere. Den Schmerz, das Leid, die Ängste. Aber morgen – da blicken wir auf die Früchte auf dem Altar, auf ihre Farben und Formen. Da spüren wir Gottes Segen über unserem Leben.

Choral: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.“

Musikinformationen:
Choral: „Wir pfjügen und wir streuen…!“ EG 508
Text von Dichter: nach Matthias Claudius, 1783
Komponist: Anonym (Melodie: Hannover 1800; Satz: nach Neumünster 1931 )

Tonträgertitel: Am Himmel hell und klar - Lieder von Matthias Claudius und seinen Zeitgenossen
Titel: Wir pflügen und wir streuen
Track/Länge: 2 / 4:10 min.
Labelcode: 07224-hänssler-music
Chor: Solistenensemble
unter der Leitung von: Schnitter, Gerhard (30.10.1939) Deutschland


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