Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.10.12; Pfarrer Sven Keppler

Der Skorpion

Sprecher: Ich stoppte den Wagen, den ich mir am Flughafen von Montpellier gemietet hatte, vor dem dunklen Haus.

Dann stieg ich aus, blieb eine Weile im Obstgarten stehen und betrachtete den sternenübersäten Novemberhimmel, bevor ich meine Abneigung überwand, einzutreten.

Autor: Jeremy steht vor dem Haus in der Provence, in dem seine Schwiegermutter June lange gewohnt hatte. Nach der Trennung von ihrem Mann Bernard war sie hier eingezogen. Die beiden waren einst glühende Kommunisten gewesen. Dann war June religiös geworden, die beiden hatten sich entfremdet - getrennt. Ian McEwan erzählt diese Geschichte in dem Roman „Schwarze Hunde“.

Sprecher: Ich öffnete die Eingangstür und stand vor einer Mauer aus Finsternis. Dann griff ich hinein, auf ein Regalbrett, auf dem wir, wenn wir daran dachten, eine Kerze und eine Schachtel Streichhölzer aufbewahrten. Aber da war nichts. Ich stand da und lauschte. Was immer ich mir auch an Vernünftigem einzureden versuchte, ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass ein Haus, in dem sich so viele Jahre hindurch eine Frau der Betrachtung der Ewigkeit hingegeben hatte, eine zarte Aura umgab.

Autor: Jeremy hatte lange Zeit neutral zwischen seinen Schwiegereltern gestanden. Zwischen dem rationalen Atheismus von Bernard und der Frömmigkeit von June. Wie ein Außenstehender hatte er den beiden immer gelauscht. Wenn sie gestritten haben – leidenschaftlich – still – mitunter verzagt. Nun ist er hier, weil er von den beiden mehr verstehen will.

Sprecher: Als ich mich am Küchentisch entlangschob, verstärkte sich mein Eindruck, dass ich beobachtet wurde. Meine bloßen Arme verspürten eine Gefahr. Seit meiner Kindheit hatte Dunkelheit mich nicht mehr so eingeschüchtert.

Autor: Jeremy hat das Gefühl, gewarnt zu werden. Nicht an den Sicherungskasten zu greifen, wo der Stromschalter liegt. Dann findet er doch einen Kerzenstummel und geht zum Schaltkasten.

Sprecher: Der Kasten sah anders aus. Der kleine Holzgriff an seiner Tür war länger, reicher verziert und saß in einem anderen Winkel. Ich war einen halben Meter entfernt, als die Verzierung sich in die Gestalt eines fetten, gelben Skorpions auflöste, dessen Scheren sich über die Diagonalachse krümmten und dessen stämmig gegliederter Hinterleib den Griff darunter knapp verdeckte.

Autor: Ein Griff zum Stromkasten wäre lebensgefährlich gewesen. War Jeremy tatsächlich gewarnt worden? Oder hatte einfach seine Angst ihn vorsichtig gemacht? In Jeremy werden die Stimmen seiner Schwiegereltern lebendig. June hätte bestimmt gesagt, dass Jeremy tatsächlich gewarnt worden sei. Es gebe mehr, als man sehen könne. Gott habe ihn beschützt. Bernard dagegen hätte versucht, alles rational zu erklären. Jetzt war er kein Außenstehender mehr. . Die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, stellt sich für ihn plötzlich existenziell.

Sprecher: Als ich zu Hause anrief und mich bei meiner Frau beklagte, dass ich den Verstand zu verlieren drohte, versagte sie mir schadenfroh jeden Trost. „Du wolltest ihre Geschichten ja. Jetzt hast du sie, mitsamt ihren Zänkereien.“

Autor: Aus purer Neugier kann jeder von uns sich plötzlich mit Gott konfrontiert sehen. Und sobald sich die Frage nach seiner Existenz mit einem eigenen Erlebnis verbindet, werde ich sie nicht mehr los. Und je stärker ich mich ihr aussetze, desto mehr gewinnt mein Leben an Tiefe.

Sprecher: Pfarrer Matthias Köhler

 

Audiobeitrag Der Skorpion


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