Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.10.12; Pfarrer Matthias Köhler

Clean Clothes Campaign

Verschlossene Notausgänge, vergitterte Fenster und versperrte Treppenhäuser: Der Alptraum eines jeden Sicherheitsbeauftragten hat in Pakistan zu einer Katastrophe geführt.

Als in einem Fabrikgebäude des Textilunternehmens Ali Enterprises in Karachi ein Brand ausbrach starben 300 Menschen auf grausamste Weise - verbrannt, erstickt, ohne jede Möglichkeit, sich zu retten.

Nach Auskunft der Feuerwehr wurde in dem rissigen Billigbau im Schichtbetrieb rund um die Uhr Unterwäsche und Plastik-Zubehör hergestellt. Die Arbeiter seien "wie Ameisen" in den Werksälen eingepfercht gewesen.

Dieser Brand im fernen Karachi betrifft den deutschen Alltag ganz unmittelbar. Denn in der Fabrik wurden auch Jeans für einen deutschen Textildiscounter produziert, dem nun eine Klage aus Pakistan droht. , (denn neben der Mordanklage für den Eigentümer der Fabrik fordert der pakistanische Gewerkschaftsverband National Trade Union Federation die Behörden auch dazu auf, alle Firmen, die in der Fabrik produzieren ließen, wegen strafbarer Fahrlässigkeit anzuklagen.

Die Katastrophe wirft ein Schlaglicht auf die Realitäten des Textilmarktes und des globalen Handels. Die meisten unserer Textilprodukte werden schon lange nicht mehr in Deutschland gefertigt sondern zuallermeist in sogenannten Billiglohnländern. Für die deutschen Unternehmen ist es wirtschaftlicher, ihre Produkte um den halben Erdball transportieren zu lassen, als in Deutschland zu produzieren.

Die Menschen, die unsere Kleidung unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen zusammennähen, bekommen nur einen Hungerlohn . Und manchmal selbst den nicht.
Derzeit streiken in Pakistans Nachbarland Bangladesch Textilarbeiter dafür, dass sie wenigstens den gesetzlich garantierten Mindestlohn von 34€ im Monat bekommen . Dabei braucht eine vierköpfige Familie ungefähr 100€ um Überleben zu können. So kommt es dazu, dass alle Familienmitglieder mitarbeiten müssen – auch die Kinder. Und nicht selten werden in der Branche Wochenarbeitszeiten von 100 Stunden verlangt.

Waren die in Deutschland billig angeboten werden, können nur zu noch billigeren Preisen produziert worden sein. Es ist ökonomisch unmöglich, dass ein T-Shirt, das im Verkauf gerade mal 1,99€ kostet, zu fairen Löhnen und zu menschlichen Arbeitsbedingungen produziert wurde. Egal, was die Textilhändler hierzulande dem Kunden suggerieren.

Der Schlüssel zur Veränderung liegt beim Kunden. Also bei uns.

Die Zeiten, dass Kleidung hierzulande wertvoll war, so wertvoll, dass man eben nicht 15 Hosen und 30 Hemden im Schrank hatte, sind so lange nicht her. Und in weiten Teilen der Welt ist Kleidung nach wie vor ein teures Gut.

Nicht immer ist es allerdings der Preis, der sicherstellt, dass beim Arbeiter auf der anderen Seite der Welt auch ein faires Gehalt rauskommt – auch Markenhersteller lassen gerne in Billiglohnländern nähen.

Aber es gibt seit einiger Zeit Prüfsiegel –etwa der Clean Clothes Campaign oder der Stiftung Warentest, die Auskunft geben über die Produktionsbedingungen der Unternehmen. Wer möchte, kann sich also sehr genau informieren, wo seine Hose oder ihr T-Shirt hergestellt wurde. Und wie. Und gegebenenfalls ein anderes kaufen.

Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt – das habt ihr mir getan. Das sagte Jesus aus Nazareth. Was die Textilbranche angeht, so sitzen unsere geringstverdienenden Brüder und Schwestern auf der anderen Seite der Welt und sind dringend auf unsere Solidarität angewiesen. Vielleicht denken Sie beim nächsten Shopping Trip auch daran.

 

Audiobeitrag Clean Clothes Campaign


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen