Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.10.12; Pfarrer Matthias Köhler

Aussortiert - ungeborenes Leben

Möglicherweise werden wir das Jahr 2012 im Rückblick als ein ganz besonderes Jahr bewerten, das unseren Blick auf das Leben nachhaltig verändert haben wird.

Möglicherweise bedeutet das Jahr 2012 zukünftig eine ähnliche Zäsur wie das Jahr 1978 – als mit Louise Joy Brown in der Nähe von Manchester der erste Mensch nach einer künstlichen Befruchtung geboren wurde. Seitdem ist die in vitro Befruchtung medizinischer Standard und Teil unseres Lebens geworden.
Möglicherweise wird 2012 das Jahr sein, in welchem die genaue genetische Analyse unserer ungeborenen Kinder Standard und Teil unseres Lebens zu werden begann.

Im Sommer diesen Jahres wurde ein neuer Test für den deutschen Markt zugelassen, der es erlaubt, Föten auf die genetische Veränderung Trisomie 21 und das daraus folgende Down-Syndrom zu testen. Statt aufwändiger Fruchtwasseruntersuchungen reichen für die Bestimmung nun ein paar Milliliter Blut, die der werdenden Mutter abgenommen werden.

Befürworter sagen, mit dem neuen Verfahren (Werbeslogan: »klar, bequem, überzeugend«), könne die Mutter Gewissheit bekommen, ohne dass sie das Leben ihres Kind riskiert. Kritiker befürchten allerdings, der Test werde nicht nur die Diagnose, sondern auch unseren Umgang mit Risikoschwangerschaften und Behinderung nachhaltig verändern. Was mit der Untersuchung auf Downsyndrom beginnt, könnte sich bald auf andere Erbschäden ausweiten. Die unkomplizierte Anwendung des Bluttests könnte ihn in nicht allzu ferner Zukunft zur Routineuntersuchung werden lassen.

Und in der Tat will der Hersteller Life Codexx zeitnah den Test erweitern. Schon jetzt lassen sich damit viele der von Eltern am meisten gefürchteten Befunde entdecken:
Mukoviszidose, Muskelschwund und Blutarmut. Zukünftig – so hofft der Hersteller – werde auch ein möglicher Autismus, Blindheit, Stoffwechselkrankheiten oder die Anfälligkeit für Krebs, Parkinson und Alzheimer bereits früh in der Schwangerschaft und vergleichsweise kostengünstig zu entdecken sein. Im Prinzip werde man zukünftig jede beliebige Stelle im Erbgut des Fötus untersuchen können – Baustein für Baustein. Und defektes Leben möglicherweise aussortieren können – per Abtreibung.

Der Humangenetiker Wolfram Henn von der Universität des Saarlandes zeichnet eine düstere Perspektive: „Die Schwangerschaft unter Vorbehalt wird zum sozialen Standard werden.“ Und das Downsyndrom werde die erste Form der Behinderung sein, die aus der Gesellschafr verschwindet.“

Dabei ist es allerdings zu einfach, nur auf den Hersteller zu zeigen oder den Test per Gesetz verbieten lassen zu wollen. Ob mit oder ohne Bluttest - die genetische Durchleuchtung unseres Nachwuchses hat schon begonnen. Das kann niemand mehr verhindern, denn die entsprechende Technik ist bereits verfügbar. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wofür sie genutzt wird.

Und damit rückt die Frage ganz nah an uns heran. An Sie und mich. Denn es liegt auch an uns, wie ein Leben mit Behinderung in unserem Land möglich ist. Es liegt auch an uns, ob Eltern sich tatsächlich für ein behindertes Kind werden schämen müssen – nach dem Motto: Das muss doch heutzutage nicht mehr sein- oder ob ein Leben mit Behinderung für uns eine ganz selbstverständliche Möglichkeit ist. Und das buchstabiert sich im Alltag durch: In der Bahn, bei der Parkplatzssuche, an der Supermarktkasse, im Schwimmbad und im Kino.

Elterliche Verantwortung können wir nicht übernehmen und auch nicht wegdelegieren. Aber das gesellschaftliches Klima – das können wir – und nur wir schaffen und mitbestimmen. „Lasset die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht – Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich“, hat Jesus aus Nazareth uns ins Stammbuch geschrieben. Und ich behaupte, er meinte alle Kinder damit.

 

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