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Heil werden
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört Willy Brandt hat so sinngemäß den Fall der Mauer kommentiert.
Schon Jahrzehnte vorher hatte er dieses Bild gebraucht: Dass zusammengefügt werden soll, was zusammen gehört. Und dass darum gerungen werden muss. Er wusste, das wird nicht von heute auf morgen gehen, dass zusammenwächst, was durchtrennt war.1 Heute am Feiertag, am Tag der deutschen Einheit, wird gefeiert, dass das geteilte Deutschland eins ist. Ich freue mich
auf ein fröhliches Fest in Schwarz-Rot-Gold unter dem weiß-blauen Himmel Bayerns.2 so hatte Staatskanzleichef Thomas Kreuzer im Mai die Feierlichkeiten angekündigt. Für mich als Christin steht noch ein anderes Motto über diesem Tag. Es ist ein Bibelwort für den heutigen Tag aus den Herrnhuter Losungen: Herr, sei mir gnädig! Heile mich. Denn ich habe gegen dich gesündigt, (Psalm 41, Vers 5) heißt es da.
Da ist einer wieder gesund geworden und beschreibt, wie er Gott um Heilung angefleht hat. Für ihn ist klar: Ich bin krank geworden, weil ich gesündigt habe. So sah man das damals, als das Bibelwort aufgeschrieben wurde. Wir wissen heute: Krankheit oder sonstiges Unheil kann ganz verschiedene Ursachen haben. Manchmal wirken unsere Lebensumstände mit.
Heile mich, Herr! Das ist ein Hilferuf. Hilf mir, mich von Lebensumständen zu befreien, die mich und andere krank machen. Gib mir die Kraft, dass ich wachsen und gedeihen kann und die Menschen um mich auch. Dass unsere Gemeinschaft wachsen kann. Dass wir Neid und Streit überwinden. Dass wir nicht gegen das kämpfen, was beim anderen anders ist. Sondern den anderen anerkennen und respektieren, auch wenn wir ihn nicht immer verstehen.
Heute wird sicherlich in mancher Rede wieder darüber nachgedacht, wie es zu der Teilung unseres Landes gekommen ist. Über die Sünde, die ihr voraus gegangen ist und über das Leid, das die Teilung selbst gebracht hat. Und auch, ob sie schon ganz überwunden ist oder was noch zu tun ist. Ist die Mauer zwischen den beiden ehemaligen deutschen Staaten mittlerweile ganz eingerissen? Können wir - wie der Psalmbeter - ein Danklied anstimmen, weil die alten Wunden verheilt sind? Oder ist die Bitte Heile mich, heile uns noch aktuell?
Sicherlich sind wir aus den beiden Teilen Deutschlands mittlerweile zusammengewachsen. Immer mehr Menschen haben das geteilte Deutschland gar nicht mehr erlebt und können sich nicht vorstellen, wie das damals war: wie die Post kontrolliert wurde und mancher Brief und manches Paket nicht vollständig ankam, wie Verwandte einander nicht besuchen konnten, die Autos am Grenzübergang durchsucht und Menschen auf der Flucht erschossen wurden. Aber immer noch erzählen wir uns Geschichten aus der Jugend, die so unterschiedlich war auf beiden Seiten der Mauer. Familien, die heute aus dem Westen in den Osten ziehen, fällt es schwer, dort heimisch zu werden. Und mancher aus dem Osten beklagt sich, dass einiges Gute nach der Einheit nicht mehr weitergeführt wurde oder mühsam wieder aufgebaut werden muss. Die Polikliniken zum Beispiel oder die Kinderbetreuung. Wir haben eine lange Wegstrecke gemeinsam zurückgelegt. Doch die gegenseitigen Vorurteile in Ost und West hören sich ungefähr so an, als wenn die Bayern über die nördlich des Weißwurstäquators lästern und umgekehrt.
Heile uns Herr und mache uns dankbar für das viele Gemeinsame, das bereits gewachsen ist.
Einen in diesem Sinne heilsamen Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Barbara Schwahn aus Düsseldorf.
1 http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/J#Jetzt_w.C3.A4chst_zusammen.2C_was_zusammengeh.C3.B6rt.
2 https://www.tag-der-deutschen-einheit.de/index.php/presse/39-pressemitteilung-1.html
Heil werden
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