Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.10.12; Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn

Was für ein Jahr?!

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, was ist das für ein Jahr! Wenn man morgens die Zeitung aufschlägt, immer dieselben Themen:

Die Rettung des Euro überlagert die gesamte Politik. Pessimistische Stimmen sehen eine Inflation auf uns zukommen, schlimmer, sehen das Ende des Euro nahen und versuchen, ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen; optimistischere trauen der Politik zu, dass sie das hinkriegt. Die Arbeitslosigkeit sinkt, das ist gut. Doch an manchen Stellen gibt es schon nicht mehr genügend Arbeitskräfte. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum und ausreichend Kita-Plätzen und die Kommunen gehen unter der Last ihrer Schuldenberge in die Knie. Dazwischen Meldungen wie: Immer mehr Menschen ernähren sich mithilfe von Tafeln und Essensausgaben. Es gibt eine neue Form der Armut: Energiearmut. Menschen wird der Strom abgestellt, weil sie ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Und dann das, das Losungswort aus der Bibel für heute, ein Wort des Propheten Jesaja: Der Herr hat mich geschickt, damit ich euch die gute Botschaft bringe: Gottes Jahr der Gnade hat angefangen und einen Tag der Rache an den Feinden wird es geben. (Jesaja 61, Vers 1-2)

Gottes Jahr der Gnade hat angefangen. Was meint Jesaja damit? Und was hat es mit dem Tag der Rache an den Feinden auf sich? Damals, als der Prophet das behauptete, ging es den Menschen nicht wirklich gut. Die Menschen in Israel waren zwar wieder zurück aus dem Exil in Babylonien, darauf hatten sie lange hin gelebt. Aber jetzt herrschten im eigenen Land Armut, Not, Bedrängnis und Trauer. Viele Gebäude lagen in Schutt und Asche und mussten wieder aufgebaut werden, es gab soziale Ungerechtigkeit, das Recht wurde gebeugt. Vielleicht lenkt der Prophet gerade deshalb den Blick der Menschen auf anderes, was auch geschieht. Auf das, was er mit „Gnade“ beschreibt:

Verzweifelte bekommen neuen Mut. Gefangene werden frei, Trauer verwandelt sich in Freude und wo es dunkel ist, wird es hell. Und als Hoffnungsschimmer am Horizont behauptet der Prophet: Es wird eine Art ausgleichende Gerechtigkeit geben. Gott selbst wird den Israeliten Recht verschaffen und ihre Feinde untergehen lassen.

Jesaja macht den Menschen Mut. Guckt mal genau hin, sagt er. Wo zeigt sich der liebevolle und gnädige Gott in eurem Leben? Guckt hin, wo er aus persönlicher Not hilft und Lebensfreude schenkt. Gott handelt im Hier und Jetzt, das ist die Botschaft des Propheten auch für uns heute. Heute kann es für mich besser werden. Ich muss nicht darauf warten, dass der Euro endgültig gerettet ist, die Schuldenberge komplett abgezahlt sind, damit es für mich besser werden kann. Selbst wenn das so käme, würden sicherlich neue Herausforderungen auf mich warten. Jesaja sagt: Auf Gott musst du nicht warten. Seine Liebe erfährst du immer dann, wenn sich für dich etwas zum Guten wendet, wenn an einer Stelle Verzweiflung schwindet, wenn du aufatmen kannst, deine Trauer überwindest, wenn du ein Licht am Ende des Tunnels siehst. So, wie es Menschen erlebt haben, die Jesus begegnet sind.

Im Neuen Testament heißt es: Jesus kam nach Nazareth und ging wie gewohnt am Sabbat in die Synagoge. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift wahr geworden vor euren Augen. Der Herr hat mich geschickt, damit ich euch die gute Botschaft bringe: Gottes Jahr der Gnade hat angefangen. (Lukas 4, Vers 16 und 21) Und das hat er gelebt. Er ließ sich von Notleidenden ansprechen und hat geholfen.

Dass Sie davon heute etwas spüren, wünscht Ihnen Barbara Schwahn, Pfarrerin aus Düsseldorf.

 

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