Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.09.12; Pfarrerin Daniela Kirschkowski

Eingemachtes

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Einmachen. Das war ihre Spezialität. Ein Kompott von saftigen Birnen mit einem Hauch von Zimt. Zucker – aber nicht zuviel.

Knackige Äpfel, ganz frisch. Nicht eingeflogen aus Neuseeland. Auch nicht immer schön. Manch einer mit einer braunen Stelle oder einer Macke. Vom Herunterfallen vom Baum. Manchmal eine große Macke, meistens kleine. Aber wer hat die nicht. Nicht schön, aber selten. Weil ganz eigentümlich und deshalb besonders. Genau wie jetzt das Eingemachte.

Meine Oma konnte fast alles einmachen – so viel, dass ich nicht mal sagen kann, ob oder warum man es überhaupt „Einmachen“ nennt. Macht man wirklich auch ein Schwein ein? Und wenn ja, warum eigentlich? Weil man die Wurst ins Glas hinein macht – oder, weil es dem armen Schwein im wahrsten Sinne des Wortes „ans Eingemachte“ geht?

Meine Oma wurde nie müde, davon zu erzählen, wie das ging. Dabei wollte ich das eigentlich gar nicht wissen. Das Rühren im Topf, der beißende Geruch, die Farbe Rot – das konnte sie schillernd beschreiben.

In meiner Erinnerung habe ich Rot lieber als den Saft süßer Erdbeeren. Frisch gepflückt, gemeinsam mit Oma auf dem Feld. Die Hälfte schon währenddessen verspeist, die Finger ganz klebrig. Und auf der Zunge dieser Geschmack, diese Mischung aus Geborgenheit und Sommerduft.

Heute nur ein kleines Glas, das mich daran erinnert. Und an sie. Eingemachte Erinnerung.

Bisher glaubte ich, man könne nur Essbares einmachen. Obst und Gemüse einkochen und in Gläser abfüllen. Bei einer Ausstellung in Hamburg entdeckte ich aber kürzlich, dass noch viel mehr in Einmachgläser passt.

Es gab dort ein ganzes Regal eingemachte Erinnerungen – genau so waren sie wirklich überschrieben. Alle Gläser gut verriegelt mit diesem typischen Metallhaken und dem dicken Gummiband mit der fingernagelgroßen Beule. Einfach dran ziehen bis es es „plock“ macht und das Glas seinen Inhalt freigibt.

In den Gläsern das, was man meistens tief in sich selbst konserviert hat. Es gab: Die Erinnerung an den ersten Kuss. An große Freude. An stilles Leid. Freunde. Und Familie.
Und manches mehr. Ein großer Vorrat, genug auch für Zuhause.

Manchmal ist es sicher gut, ans Eingemachte zu gehen. Heute habe ich Zeit, eines meiner inneren Gläser wieder genauer zu betrachten. Ich suche mir die Erinnerung an etwas aus, an das ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Ich muss lächeln bei diesem Gedanken, denn eigentlich trage ich sie ja immer bei mir, diese Erinnerung.

Das Glas, das ich heute öffne, enthält den Zettel mit der Aufschrift „Glaube“. Mit Gläsern dieser Art könnte ich eigentlich ein ganzes Regal füllen. Ganz viele verschiedene Szenen kann ich unter dieser Überschrift im Glas konservieren. Dieses eine mag ich aber ganz besonders. Es passt zu meinem Sonntag, vielleicht auch zu Ihrem. Darin steht: „Christus spricht: Was ich euch zurücklasse ist Frieden. Ich gebe euch meinen Frieden – einen wie ihn die Welt nicht geben kann. Lasst euch durch nichts in eurem Glauben erschüttern.“ (Johannes 14,27 Neue Genfer Übersetzung)

Einen friedlichen Sonntag wünscht Ihnen Ihre Daniela Kirschkowski, Pfarrerin in Marl


Audiobeitrag Eingemachtes


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