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Meine Seele steigt auf Erden (eg 615)
Musik: Choralvorspiel - Autor: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide. Goethe traf mit dieser sentimentalen Zeile den Ton seiner empfindsamen Zeitgenossen.
Das Gemüt fordert eben sein Recht gegenüber dem berechnenden Kalkül der Macht und dem zählenden und messenden Geist der Wissenschaften in allen Bereichen des Lebens. Das Verlangen nach einem erfüllten Leben bricht sich damals wie heute in der Sehnsucht Bahn, bei den großen Genies und bei den schlichten, frommen Geistern. Sprecherin: Meine Seele steigt auf Erden sehnend, Herr, mein Gott, zu dir; lass mich nicht zuschanden werden, dir vertrau ich, hilf du mir. Du verlässt die Deinen nicht, die zu dir die Zuflucht nehmen; doch wer Treu und Glauben bricht, den wirst du gewiss beschämen.
Autor: Matthias Jorissen ein Zeitgenosse Goethes - hat diesen Liedtext um 1793 geschrieben. Er war reformierter Prediger der deutschen Gemeinde in Den Haag, ein Cousin des Liederdichters Gerhard Tersteegen. Seine ganze Liebe galt der Neuen Bereimung der Psalmen. In der reformierten Gemeinde war die schon zweihundert Jahre alte Psalmenübersetzung von Ambrosius Lobwasser in Gebrauch. Und die empfand man als nicht mehr zeitgemäß. So machte sich also Jorissen auf den Psalter seinen eigenen Reim.
Sein Lied Meine Seele steigt auf Erden fußt auf Psalm 25. Der schlägt bereits in seiner biblischen Fassung einen sehr persönlichen Ton an. Es bleibt aber schon dort nicht bei der schwärmerischen, unerfüllten Sehnsucht. Aus meinem Sehnen wird ein Harren, ein hoffnungsvolles Warten.
Sprecherin: Herr, zeige mir deine Wege
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. (Psalm 25,4-6)
Autor: Jorissen ist überzeugt: Wenn ich meinen persönlichen Weg gehe, fange ich nicht täglich bei null an. Es gibt eine gute Vorgeschichte. Die heißt kurz zusammengefasst: Gott verlässt die Seinen nicht. Das trägt mich und gibt mir Hoffnung.
Musik: Choral 2. Strophe Zeige mir, Herr, deine Wege; mach mir deinen Weg bekannt, dass ich treulich folgen möge jedem Winke deiner Hand; leit in deiner Wahrheit mich, führe mich auf rechte Pfade. Gott, mein Heil, ich suche dich; täglich harr ich deiner Gnade.
Sprecherin: Zeige mir, Herr, deine Wege; mach mir deinen Weg bekannt, dass ich treulich folgen möge jedem Winke deiner Hand; leit in deiner Wahrheit mich, führe mich auf rechte Pfade. Gott, mein Heil, ich suche dich; täglich harr ich deiner Gnade.
Autor: Matthias Jorissen kleidet das Psalmgebet in seine eigenen Worte. Die Psalmen waren der Gemeinde schon seit der Reformationszeit als Genfer Psalter vertraut. Ambrosius Lobwasser hatte sie in Reimform aus dem Französischen ins Deutsche übertragen. Jorissen schafft nun, zwei Jahrhunderte später, einen neuen Text. Die alte Melodie des Psalmes aber behält er bei.
Loys Bourgeois hatte diese Melodie einst komponiert. Er soll damals für einen Tag ins Gefängnis gesteckt worden sein, weil er ohne Erlaubnis die Melodien gedruckter Psalmen geändert hatte. Es ist ein Zwiespalt: Ich lebe heute, will heute Christ sein und meinen eigenen, persönlichen Glauben leben. Das geht nicht, ohne mich vom Überkommenen zu lösen und ohne von angeblich feststehenden Wahrheiten Abschied zu nehmen. Fundamentalismus wäre Kleinglaube. Doch ein Fundament braucht der Glaube. Es besteht aus den Erfahrungen und dem Erbe derer, die mir vorangegangen sind, die vor mir gezweifelt, geglaubt und vertraut haben. Nicht umsonst erzählen gerade die Psalmen immer wieder von Gottes großen Taten damals. Weil es sie gibt, macht es heute Sinn, sich an Gott zu wenden.
Gott ist immer schon da. Deshalb stelle ich mich mit meinen Herzensanliegen und mit meinem Gotteslob in den breiten Strom der Glaubenserfahrung derer, die vor mir gelebt haben. Nun suche ich die richtigen Gedanken und Worte für heute zu finden und hoffe, dass Gott auch für mich da ist. Eine Garantie gibt es nicht, aber es gibt Gottes Versprechen und die Zuversicht derer, die ihm vertrauen.
Musik: Choral 3.Strophe Herr, erbarm dich eines Armen, der zu dir um Gnade schreit. Dachtest du nicht mit Erbarmen schon an mich von Ewigkeit? Ach gedenk nicht meiner Schuld, auch nicht meiner Jugend Sünden; unter deiner Vaterhuld lass mich bei dir Gnade finden.
Sprecherin: Herr, erbarm dich eines Armen, der zu dir um Gnade schreit. Dachtest du nicht mit Erbarmen schon an mich von Ewigkeit? Ach gedenk nicht meiner Schuld, auch nicht meiner Jugend Sünden; unter deiner Vaterhuld lass mich bei dir Gnade finden.
Autor: Ich kann mich bei Gott bergen, wie ein verängstigtes Kind im Schoß der Mutter. Die Schuld, die mich belastet, meine Zweifel ich kann sie aussprechen. Um dann Gottes mütterliche Fürsorge zu erfahren. Als der Psalm 25 entstanden ist, war die Armut handfest: Die bedrängten Kleinbauern in Palästina erhofften sich Gottes Beistand gegen ihre Großgrundbesitzer. Aus ihren Kreisen stammt wohl der 25. Psalm. Wenn die Armen Israels Gott ihr Leid klagen geht es nicht nur um Seelenschmerz. Es geht um Gerechtigkeit. Die Irrenden sollen umkehren, den Menschenfeinden soll das Handwerk gelegt werden, und die Schwachen sollen Trost und Hilfe erfahren.
Musik: Choral 4.Strophe Gott ist gut und recht, er zeiget Irrenden die rechte Bahn, macht ihr Herz zu ihm geneiget, nimmt sie mit Erbarmen an. Den Elenden strahlt sein Licht, dass sie nicht den Weg verfehlen; Schwachen fehlts an Hilfe nicht, wenn sie ihn zum Troste wählen.
Sprecherin: Gott ist gut und recht, er zeiget Irrenden die rechte Bahn, macht ihr Herz zu ihm geneiget, nimmt sie mit Erbarmen an. Den Elenden strahlt sein Licht, dass sie nicht den Weg verfehlen; Schwachen fehlts an Hilfe nicht, wenn sie ihn zum Troste wählen.
Autor: Das ist die große Sehnsucht, die den Himmel um Gerechtigkeit anfleht. Matthias Jorissen und Loys Bourgeois haben ihren Psalmengesang für die Stillen im Lande geschaffen. Die Stillen im Lande lassen ihre Seele aufsteigen zu Gott und hoffen. Hoffen, dass er sie aus Armut und Unterdrückung befreit, in Krankheit bewahrt und den nicht untergehen lässt, der Schuld auf sich geladen hat. Das ist die große Sehnsucht, die in den Himmel steigt. Tag für Tag, überall auf der Welt.
Als Kinder haben wir im Herbst selbstgebaute Drachen steigen lassen. Das war ein schönes Bild: So viele bunte Drachen am Himmel, die lustig mit ihren Schwänzen aus Papierschleifchen wedelten. Mit welcher Kraft mein Drache mich zog, wenn er nur hoch genug gestiegen war, dorthin, wo der Wind besonders mächtig wehte! Dann hieß es: Festhalten und dranbleiben.
So wie es Matthias Jorissen beschreibt: Gott die Ehre geben heißt: Der Sehnsucht Raum geben. Die Augen vor dem Elend nicht verschließen. Nicht aufgeben. Auf Gottes Hilfe harren. Oder kurz gesagt: Die Seele aufsteigen lassen zu Gott, festhalten und dranbleiben!
Musik: Choralvorspiel
Sprecherin: Lauter Treue, lauter Güte wird in Gottes Führung kund jedem redlichen Gemüte, das sich hält an seinen Bund. Groß ist meine Missetat; drum vergib mir und erfülle, was dein Mund versprochen hat, Herr, um deines Namens willen.
Musik
Musikinformation CD-Titel: Mein ganzes Herz erhebet dich Motetten, Liedsätze und Choralbearbeitungen zum Genfer Psalter Track-Titel: Meine Seele steigt auf Erden Text: nach Matthias Jorissen 1798 Melodie: Loys Bourgeois 1551 Bearbeitung: Vorspiel, 2.+4.Strophe: von Johann Crüger 1.Strophe: von Jan Pieterszon Seelinch (1562 1621) 3.Strophe: von Thomas Champion Chor: Kantorei der Christuskirche Detmold Leitung: Burkhard Geweke Verlag: Lippische Bibelgesellschaft e.V.

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