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Lachende Alte
Liebe Hörerin, lieber Hörer, ich habe als Kind gerne gelacht. Dieses fette, glucksende Lachen der Kinder - das ist für mich pure Lebensfreude.
Haben Sie sich schon einmal schiefgelacht? So richtig, dass Sie sich vor Lachen gebogen haben? Ich saß mit der Familie bequem auf meinem Plastiksessel auf der Urlaubsterrasse in Frankreich. Wir alle um einen Tisch, beim Spielen. Auf einmal gaben die Stuhlbeine nach und bogen nach außen auseinander, ich sank ganz langsam in die Tiefe, bis es krachte, der Sessel zerbrach und ich rückwärts über die Terrasse kugelte. Eine Schrecksekunde verging, bis klar war, dass mir nichts geschehen war. Dann gab es kein Halten mehr. Der ganze Schreck und die ganze Erleichterung verschafften sich Luft in einem riesigen Gelächter vier lachende Damen und ein verdutzter Mann! Zu meinem Leidwesen wurde die Geschichte immer wieder gern auf Familienfeiern aufgewärmt.
Lachen befreit. Es macht das Dramatische komisch. Das Gefährliche harmlos. Es bringt das Wichtige auf Normalmaß. Noch eine kleine Episode: Im Wartebereich des Flughafens telefonierte Herr Wichtig so laut und so endlos lang mit seinem Handy, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand: Ein Witzbold kam auf eine pfiffige Idee: Er animierte die Fluggäste wortlos und mit breitem Grinsen, zum Ende des Gesprächs zu applaudieren. Die Rechnung ging auf. Mit dem Ende des großen Auftritts brach ein großer Beifallssturm los. Herr Wichtig suchte mit rotem Kopf das Weite, und die Fluggäste fühlten sich regelrecht befreit. Sie konnten wieder aufatmen und ihre Gespräche fortsetzen.´
Lachen kann befreien und entlarvend sein. Nicht umsonst blüht der politische Witz dort besonders, wo Diktaturen die Menschen bedrücken und sie zum Schweigen bringt. Ernst Barlach schuf im Jahr 1937 eine Skulptur mit dem Namen Lachende Alte. Man möchte schon mitlachen, wenn man sie nur auf den ersten Blick sieht: Eine alte Frau liegt auf den Knien, hat ihre alten, verknöcherten Hände darauf gelegt, beugt sich weit nach hinten und lacht mit weit geöffnetem Mund. Sie kann sich buchstäblich kaum halten vor Lachen. Barlach hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Jahr zu leben. Er selbst hatte wenig zu lachen. Die Nationalsozialisten hatten ihn zum Schweigen gebracht. Er galt als entarteter Künstler und hatte Berufsverbot. Nun lässt er eben die selbst geschaffene Alte für sich lachen, und die tut das ohne Hemmung. Paul Gerhardt dichtete 1647, ein Jahr vor dem Ende des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges:
Sprecherin: Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn, sie zürnt und kann nichts machen, all Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht, das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick. (EG 112,5)
Am Ende eines langen und sicher harten Lebens kann die lachende Alte Ernst Barlachs laut und herzhaft lachen. Worüber? Vielleicht über die Dummheit der Welt. Vielleicht darüber, dass es nichts mehr gibt, was sie noch ängstigen oder beeindrucken könnte. Vielleicht nimmt sie aber auch schon das befreite Lachen derer voraus, die jetzt noch bedrückt sind, wie seinerzeit die verschleppten Israeliten, die an den Wassern Babylons saßen und weinten:
Sprecherin: (Psalm 126,1b-3) »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan. Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.
Mindestens ein herzhaftes Lachen an jedem Tag und für morgen einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.
Lachende Alte
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