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Wanderer im Wind
Beinahe hört man, wie der Wind weht und das Laub raschelt. Noch ist es kein Sturm. Kein Regen peitscht. Kein Donner rollt. Kein Blitz schlägt ein.
Und doch: Es ist ungemütlich. Hielte der Wanderer seinen Hut nicht mit der Hand fest er würde ihm vom Kopf gerissen. Den Kopf eingezogen, die Augen zusammengekniffen, aber doch blinzelnd gegen den Wind gehalten, um die Orientierung nicht zu verlieren, setzt der Wanderer seinen Weg tapfer fort. Der Wanderer im Wind. Eine Holzplastik von Ernst Barlach aus dem Jahr 1935.
Barlach liebte das. Er liebte den Norden. Er liebte die Stürme und die Wolken. Er liebte die Wetterfronten und die dramatischen Lichtspiele. Dem finsteren Wettertreiben ein finsteres Gesicht entgegensetzen. So kann ich mich behaupten. So kann ich mein Gesicht wahren. Ich begegne dem Treiben auf Augenhöhe von Angesicht zu Angesicht.
Der finstere Blick begegnet mir auch in einem anderen Zusammenhang: Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben; aber wenn du Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens. Mit diesen Worten warnt Gott Kain vor dem Mord an seinem Bruder Abel. 1935, als Barlach die Skulptur mit dem eingezogenen Kopf und finsterem Blick schuf, waren derartige Warnungen längst in den Wind geschlagen. Der hasserfüllte Blick und das verzerrte Gesicht waren in Mode gekommen.
Und diesem Blick hält Barlachs Wanderer im Wind stand. Dem Sturm des Hasses, den der Nationalsozialismus säte, setzt er eine undurchdringliche, ernste Mine entgegen. Manchmal bleiben uns Zeiten finsterer Blicke nicht erspart. Von Angesicht zu Angesicht müssen wir den widerstrebenden Elementen begegnen. Jesus kannte das auch:
Sprecherin: Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Mein Haus soll ein Bethaus heißen; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus. (Matthäus. 21,12-13)
Jesus geht noch weiter als der Wanderer im Wind. Er dreht die Verhältnisse um. Die vorher viel Wind machen um ihr ach so wichtiges Treiben, denen bläst der Wind kräftig ins Gesicht, und sie werden in alle Winde zerstreut, wie einst die Erbauer des Turmbaus zu Babel und wie zu Moses Zeiten die Streitmacht des Pharao am Roten Meer. Wenn der Sturm heraufzieht, ist noch unentschieden, ob der Wanderer ans Ziel kommt. Wer aber bei Gegenwind klein beigibt und sein Gesicht nicht in den Wind hält, der wird auch nicht erfahren, was ihn am Ende erwartet. Der 23. Psalm macht Hoffnung, dass der Weg sich lohnt:
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar., heißt es da.
Einen guten Weg durch den Tag, auch gegen den Wind, wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.
Wanderer im Wind
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