| |
Lesender Klosterschüler
Die Unschuld des Anfangs ist es, die mich am Lesenden Klosterschüler so berührt dieser schönen Skulptur Ernst Barlachs aus dem Jahr 1930.
Ein liebenswertes junges Gesicht! Vertieft und selbstvergessen, begierig in die Schrift versenkt ist der junge Mann. Aufrecht, mit beiden Armen abgestützt sitzt er auf seinem Schemel. Sein Buch liegt aufgeschlagen auf seinen Knien. Es hat den Anschein, als habe er gerade eine neue Seite zu lesen begonnen.
Sprecherin: Seid begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch der Mutter, wie die neugeborenen Kindlein damit ihr durch sie zunehmt in eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. (1. Petr. 1,2-3)
Mich hat es immer sehr berührt, wenn unsere Kinder ganz selbstvergessen in ihr Spiel versunken waren und sie - scheinbar abwesend - doch die Welt spielerisch entdeckten. Einen großen, tiefen Sinn hat die Mahnung Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes gelangen.
Wahrscheinlich mag ich diese Barlachfigur vom Lesenden Klosterschüler so gern, weil ich selber ein Bücherwurm bin. Dieser junge Klosterschüler gibt sich ganz hin an seine Berufung. Er glaubt fest daran: Aus den Tiefen der Schriften der Bibel werde ich Erkenntnis, Erfahrung und Weisheit schöpfen. Das gefällt mir. Im ersten Psalm werden seliggepriesen, die über die Weisung Gottes nachsinnen Tag und Nacht.
Stimmen, die sagen: Das ganze Bücherwissen ist doch nutzlos. solche Stimmen beeindrucken den Klosterschüler nicht. Denn lesen heißt für ihn begegnen. Dem geschriebenen Wort begegnen und dann auch dem Geist, der die Buchstaben aufschließt. In den Schriften der Bibel begegnen ihm Menschen, deren Leben in das Buch eingegangen ist. Eine Gemeinschaft eröffnet sich über Jahrtausende und über Erdteile hinweg. Das Leben von Menschen und ihren Erfahrungen mit Gott und Jesus Christus sind zuerst mündlich, dann schriftlich überliefert worden und zu Wort und Schrift geworden. Wenn der Klosterschüler, wenn meine Konfirmanden oder wenn ich sie lese - dann werden diese Menschen mit ihren Erfahrungen für uns lebendig und gegenwärtig. In der Theologie sprechen wir von sola scriptura allein durch die Schrift. Durch sie erfahren wir von Lebens- und Glaubenserfahrungen unserer Vorfahren. Die sind verdichtet in Worten, Versen, Sätzen, Erzählungen, Menschheitsdramen, Offenbarungen und Gebeten. Im Lesen und Hören, in den vielen Geschichten begegnet mir der Geist Gottes, der Leben schafft und erfüllt. Nicht umsonst heißt es in der Bibel: Das Wort Gottes wohnt unter uns. Es hat seine Zelte aufgeschlagen. Wie arm wären wir ohne unsere Mitmenschen und Glaubensgenossen aus der Bibel: Adam und Eva, Abraham und Isaak, David und Salomo, die arme Witwe, die ihr Scherflein in den Kasten legt. Ihre Geschichten bleiben Gott sei Dank bewahrt. Und zum Glück können die meisten Menschen auf der ganzen Welt sie heute selbst lesen und verstehen. Das war in früheren Zeiten ja nicht selbstverständlich.
In der Bibel erfahre ich, dass ich selbst hineingeschrieben bin in das Buch des Lebens. Und dieses Buch wird eines Tages aufgetan. Dann stehen meine Geschichte und die des Lesenden Klosterschülers vielleicht in benachbarten Kapiteln. Nichts geht verloren, kein Name, kein Schicksal, kein Leid, kein Glück. Und alles ist offenbar in Gott. Der lesende Klosterschüler sitzt da, hat sein Buch auf den Knien und liest. Da könnte man doch gleich selbst die Bibel aus dem Schrank nehmen und nachschauen.
Es grüßt Sie Ihr Bücherwurm, Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.
Lesender Klosterschüler
|