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Der Zweifler
Es steht uns ins Gesicht geschrieben. Wenn wir von einer Sache überzeugt sind, dann spricht unser Gesicht Bände:
Leuchtende Augen, gewinnendes Lächeln, der Mund um kein Argument und um keine Beteuerung verlegen und das Ganze mit einer Körpersprache, die sagt: Da musst du doch einfach mitmachen!
Wenn wir zweifeln, ist das nicht anders. Auch das steht uns ins Gesicht geschrieben: Die Augen eher schmal und zusammengekniffen, die Lippen aufeinandergepresst, vielleicht sogar ein bisschen schmollend, Falten auf der Stirn und insgesamt eher zurückgenommen, wie ein Igel, der sich zusammenrollt und seine Stacheln ausfährt. Der Künstler Ernst Barlach hat vor 75 Jahren, 1937 eine Holzplastik geschaffen, die genau diesen Namen trägt: Der Zweifler. Sie zeigt einen Mann, den Blick geradeaus gerichtet, beinahe konfrontativ, das Haupt geneigt und vornübergebeugt. Nicht unfreundlich und doch beharrend spitzt der Zweifler den Mund. Will er zur Gegenrede ansetzen? Seinen Widerspruch geltend machen? Und wem steht er gegenüber? Vielleicht denen, die sich so schrecklich sicher sind und Glauben fordern? Glauben an die Nationalsozialistischen Heilslehren?
Barlachs Zweifler hatte damals Recht. Er kann und will nicht glauben. Freundlich, aber bestimmt, neigt er sich seinem Gegenüber zu. Ruhig und mit sehr klaren Gesichtszügen, mutig, mit geschürzten Lippen steht er kurz davor zu sagen, was allein zu sagen ist: Nein! Euch glaube ich nicht. Wie sicher ihr euch auch fühlt, wie titanisch eure Macht sein mag, die ihr mich spüren lasst meine Skepsis bleibt, und meinen Zweifel werdet ihr nicht überwinden.
Der Zweifler entstand ein Jahr vor Barlachs Tod. Hinter dem Stolz des beharrlichen Zweiflers stecken spürbar Schmerz und wohl auch Unverständnis und Resignation. Warum nur? Wie kann es sein, dass Verblendungen im Gewande von ideologischen Heilslehren daherkommen und Glauben fordern? Schon Jesus kannte das und warnte beizeiten vor Verführern: Sie kommen und sagen: Hier ist das Reich Gottes! Oder: Da ist das Reich Gottes! Das ist in, jenes ist in. So macht man das heute, nicht so. (vgl. Lk 17,23)
Manchmal sind die Zweifler Jesus näher als die allzu Gläubigen. Thomas aus dem Johannesevangelium ist ein echter Zweifler. Er möchte ja gern Gott vertrauen und sich auf seine Worte einlassen Aber so leicht ist das nicht. Jesus ist tot. Hingerichtet. Das hat er mit eigenen Augen gesehen. Und nun soll er von den Toten auferstanden sein? Schön wär´s.
Wenn er da jetzt Verführern aufsitzt? Thomas ist kritisch. Er will Beweise sehen. Sich einfach verführen lassen das kommt nicht in Frage.
Und der auferstandene Jesus gibt ihm die Hilfe, die er zum Glauben braucht. Er zeigt sich ihm und lässt sich berühren. Thomas fasst Vertrauen und glaubt das vermeintlich Absurde; denn er spürt: Dieses Vertrauen tut ihm gut. Gottes Zuwendung ergreift und berührt ihn. Thomas bleibt ein Zweifelnder: Aber jetzt zweifelt er mit Fug und Recht daran, dass die, die gerade das Sagen haben und Jesu Tod und damit sein Scheitern behaupten, auch das letzte Wort behalten.
Die rechte Portion Zweifel an diesem Tag wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.
Der Zweifler
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