Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.09.12; Pfarrer Dieter Beese

Der Sinnende

Sind Sie ein Traumtänzer? Der Traumtänzer steht irgendwo gedankenverloren in der Gegend herum und merkt gar nicht, dass er anderen mitten im Weg steht.

Beliebtes Beispiel: Die Ampel steht längst auf grün, aber der Vordermann träumt… Ein Witzbold hat sich eine nette Bemerkung für eine Spruchkarte einfallen lassen: „Nicht drängeln, ich denke nach!“

Zugegeben, nicht jede Unterbrechung und nicht jede Verzögerung ist als solche schon wertvoll. Aber wer Leistungsdruck, Hektik, Zeitmangel kennt, wer erschöpft ist oder Angst vor der Zukunft hat, der wünscht sich, einmal aussteigen zu können, einen Gang herunterzuschalten und zur Ruhe zu kommen.

Die Zeit ist oft knapp. Viele Menschen fühlen sich in die Enge getrieben und ausgebrannt. Wer dieses Gefühl kennt, der wird einen in sich versunkenen  Mitmenschen nicht vorschnell als Traumtänzer abtun. Eher wird er sich fragen: Wo ist er wohl gerade mit seinen Gedanken? Geht es ihm gut dabei? Ist er auf der Flucht vor dem, was gerade mit ihm geschieht? Oder nimmt er sich einfach mal die Freiheit für diesen kleinen Ausstieg?

Ich denke an eine Skulptur von Ernst Barlach: Aufrecht stehend, in sich gekehrt, die Fingerspitzen der linken Hand an die Kinnseite haltend, vergeistigt die Augen geschlossen, mit geschlossenem Mund und still-heiterem Gesichtsausdruck. So erscheint dem Betrachter der Sinnende, wie Barlach ihn genannt hat. Aufrecht und doch entspannt steht er da. Die Falten seines Gewandes fallen glatt und gerade, sein rechter Arme hängt nahezu unsichtbar herab.

So wie er da steht, könnte er auch als vermeintlicher Traumtänzer nachdenklich in irgendeiner belebten Fußgängerzone unserer Innenstädte stehen. Alles zieht an ihm vorüber. Nichts scheint ihn zu berühren. Introvertiert ist er nicht, der Sinnende, dafür hat er viel zu viel Ausstrahlung. Wer nicht gerade selbst im Strom schwimmt, dem macht es Mühe, sich seiner Aura zu entziehen. Und er würde es auch gar nicht wollen. Ihm Entziehen möchte man sich nicht, eher schon Anteil haben an seinem inneren Erleben. Lebensenergie aus anderen Sphären scheint den Sinnenden innerlich zu bewegen und über ihn hinaus zu drängen.

Entstanden ist der Sinnende im Jahr 1934. Deutschland hatte sich von Idee und Ethos der Menschenrechte verabschiedet, Fremde und Abweichler zu Freiwild gemacht und die Weichen zu Krieg und Vernichtung gestellt. Der Sinnende steht wie ein lebendiges Mahnmahl für eine Lebensweise ein, die nicht schreit und strammsteht, nicht einfach funktioniert und organisiert, sich nicht einfach zerstreuen lässt und um irgendein goldenes Kalb herumtanzt: Nicht mit dem Strom schwimmen, sondern in sich gehen und sich besinnen. Dafür steht der Sinnende von Ernst Barlach.

Durch alle Zeiten gab und gibt es solche Sinnenden, die einfach nicht mitmachen und sich nicht verplanen und benutzen lassen, sondern sich besinnen. Selbstbesinnung und Glaubenssinn liegen oft nah beieinander. Jesus Christus sagt: „Meinen Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ (Johannes 14,27)

Diesen Frieden und diesen Mut wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.

Audiobeitrag Der Sinnende


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