Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.09.12; Pfarrer Dieter Beese

Das Wiedersehen

„Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.“ Ich mag ihn gern, diesen irischen Reisesegen.

Ein Abschiedsgruß der nicht vom Abschied, sondern vom Wiedersehen spricht, genau wie unser: „Auf Wiedersehen! Bis Bald!“

„Sehen wir uns wieder?“ Wenn nach der ersten Begegnung oder nach dem ersten Rendevouz diese Frage gestellt wird, schwingen Hoffnung und auch ein wenig Angst darin. Vielleicht gefällt er ihr, und sie sagt ja, gibt ihm ihre Telefonnummer oder verabredet sich mit ihm. Aber vielleicht bekommt er auch einen Korb und wird zurückgewiesen. Dann heißt es: Sei stark und trag es mit Fassung!

Das Wiedersehen ist in der Regel ein Grund zur Freude. Wir lachen uns an und freuen uns und sagen: Das Jahr Auslandsaufenthalt ist schnell vergangen. Der hoffnungsvolle Nachwuchs hat einen ganz gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. Selbstständig und verantwortungsbewusst ist er geworden, eine ganz andere Ausstrahlung geht von ihm aus. Donnerwetter! Respekt! Aber nicht immer geht diese Rechnung auf. Es kann viel geschehen, während wir einander nicht sehen. Träume können platzen und große Pläne scheitern.

Ich sehe eine Holzplastik von Ernst Barlach vor mir: „Das Wiedersehen“. Sie sie zeigt zwei Menschen, die einander in den Armen liegen. Der eine, groß gewachsen, steht aufrecht und stützt mit seinen Händen den anderen fürsorglich, ja geradezu besorgt, greift ihm unter die Arme. Der andere, deutlich kleiner, ist ausgemergelt, am Ende seine Kräfte, mit eingefallenem Gesicht. Kaum ist er in der Lage, sich aufrecht zu halten. Mit  seiner linken Hand sucht er Halt an der festen Schulter seines Gegenübers. Es scheint, als sei dieses Wiedersehen der einzig verbliebene Lichtblick in seinem Leben.

Diese Plastik erinnert mich an die biblische Erzählung vom verlorenen Sohn und vom gütigen Vater. Man könnte sie auch mit „Das Wiedersehen“ überschreiben. Da umarmt am Ende der Geschichte ein Vater seinen gebrochenen Sohn. Der hatte sich von der Familie abgeseilt. Distanziert. Nun kehrt er zurück nach einer schweren Lebensreise. Wie manche Söhne und Töchter heute. Statt erfüllender Partnerschaft – Scheidungskrieg. Statt strotzender Gesundheit – starke körperliche oder seelische Einschränkungen. Ein Unfall, eine schwere Krankheit. Statt Karriere – schon lange arbeitslos, Studium geschmissen, Abschluss nicht geschafft. Der Vater in der Bibel lässt sich davon nicht beirren: 

Sprecherin: „Bringt das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße; und bringt ein gemästetes Kalb her und schlachtet es; lasst uns essen und fröhlich sein; denn dieser Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ (Lukas 15,22ff)

So stellt sich der Evangelist Lukas das Wiedersehen vor. Nicht nur das von Vater und Sohn. Sondern überhaupt das Wiedersehen von Mensch und Gott, wenn unser Weg uns von woher auch immer nach viel Hoffen und Bangen zu Gott zurückführt. Manchmal bringen wir nach langer Zeit große Erfahrungen mit, wenn wir heimkehren, im Guten wie im Bösen. Aber ein kleines, gutes Wiedersehen kann es auch an jedem Morgen und an jedem Abend geben, an dem wir uns innerlich Gott zuwenden und unseren Tag oder die Nacht in seine Hände legen.

Auf Wiedersehen! Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.  

Audiobeitrag Das Wiedersehen


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