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Sicherheitswahn und Gottvertrauen
Wie viel Sicherheit brauchen wir eigentlich, und wo schlägt gesunde Vorsicht in krankhafte Sorge um? Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.
Mein Name ist Christel Weber, und ich bin evangelische Gemeindepfarrerin in Borchen (in der Nähe von Paderborn). Ich bin auf dem Land groß geworden, bei uns stand die Terrassentür den ganzen Tag offen, jeder konnte hinein spazieren. Wir hatten keine Angst. Einbrüche und Überfälle waren woanders.
Diesen Sommer habe ich in Chicago verbrachte. Viele verbinden damit sofort den Namen Al Capones. Der berühmte amerikanische Gangster hat das Bild der Stadt lange geprägt. Bandenkriege, Überfälle, Drogendelikte. Das gehört zu jeder Metropole. Atmo: Flughafen
An einem frühen Abend komme ich auf dem Flughafen O Hare in Chicago an. Ich werde an einem internationalen Sommerkurs teilnehmen, in dem sich alles ums Predigen dreht. Zu Hause habe ich mir schon die öffentlichen Verkehrsmittel herausgesucht, mit denen ich bis zu meinem Wohnheim in der 58. Straße komme:
Ich fahre also mit der blueline bis downtown, irre ein bisschen herum, bis ich Bus Nummer6 finde. Ich steige ein, verstehe nicht, was der Busfahrer ansagt, verpasse die Station, an der ich aussteigen soll, laufe mit Koffer und Rucksack zwei einsame Blocks zurück und bin ziemlich genau bei Anbruch der Dunkelheit am Ziel. No big deal. Keine große Sache.
Aber als ich das mehr nebenbei am nächsten Tag bei unserem ersten Treffen im Seminar erzähle, fällt schon die Hälfte der Leute in Ohnmacht: Was? Mit der blueline? Mit dem Bus? Um die Uhrzeit? Alleine? Weißt du nicht, wie gefährlich das ist? Nein, ich weiß das nicht; und ich habe mich auch zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gefühlt.
So geht es erst einmal weiter: 1. Tag: Die Programmkoordinatorin weist uns in Sicherheitsfragen ein. 2. Tag: In den gottesdienstlichen Abkündigungen ermahnt uns der Dekan eindringlich, alle Sicherheitshinweise zu beachten. 3. Tag: Die lokale Polizei kommt, um mit uns Sicherheitsfragen zu besprechen. Den Termin schwänze ich; ich kann das Wort Sicherheit nicht mehr hören!
Ich werde es allerdings nicht wirklich los: Im Restaurant löst mein 50 Dollar Schein Verzweiflung aus. Ob ich nicht eine Kreditkarte habe, fragt die Kellnerin, wegen der Sicherheit, sagt sie. Kein Lokal will größere Mengen von Bargeld haben für den Fall ausgeraubt zu werden.
Und als ich Sue, meiner lieben Nachbarin im Wohnheim, am Wochenende vorschlage, zu einer Kirche zu fahren, die noch weiter im Süden Chicagos liegt, sagt sie: Ja, aber mein Mann darf nicht wissen, dass wir mit der Metra-Electric (S-Bahn) fahren; er kann sonst nicht schlafen.
Musik: Milburn Amos, Chicken Shack Boogie
Sicherheit ist in den USA eine große Sache. Es ist der Schock über den 11. September 2001, nine-eleven genannt, aber vor allem sind es die gefürchteten Verbraucherklagen, die eine Flut von Sicherheitshinweisen ausgelöst haben.
So finde ich auf dem Kaffeebecher einer großen Fast-Food-Kette die Aufschrift: Achtung! Bitte vorsichtig mit mir umgehen. Ich bin heiß!
Ein Textilhersteller rät: "Nicht bügeln, wenn die Kleidung am Körper ist."
Und beim Kauf eines Kinderwagens wird man gewarnt: Achtung! Baby vor dem Zusammenfalten entfernen!
Im Museum für Kommunikation in Frankfurt kann man übrigens noch bis zum 21. Oktober - verpackt in Fotomontagen - eine Sammlung der absurdesten Warnhinweise sehen. Sie sind zum Schieflachen, aber sie treffen auch den Nerv: unser Sicherheitsbedürfnis wächst, auch in Deutschland.
In den ersten Tagen in Chicago mache ich mich noch ein bisschen lustig über meine besorgten amerikanischen Freunde. Mit Vergnügen zitiere ich Erich Kästner:
Sprecher Wirds besser? Wirds schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich. *
Bis eines Tages der Dekan wiederum in den gottesdienstlichen Abkündigungen von einem Überfall auf zwei Mitstudenten berichtet. Nun gut, sie waren nachts unterwegs, es ist ihnen auch nicht wirklich etwas passiert, aber ab da höre ich auf, meine lieben Zimmernachbarn aufzuziehen, wenn sie mal wieder hinter mir herrufen: Gehst du auch nicht allein? Hast Du auch dein Handy dabei? Du kommst doch vor dem Dunkelwerden zurück?
Keine Sorge, Mama, sage ich dann, aber nur noch leise für mich.
Hier in Chicago wird mir das zu einer grundsätzlichen Frage: Wie viel Sicherheit brauchen wir? Wo hört die Vorsicht auf und wo fängt der Sicherheitswahn an?
Ich denke an unsere Kinder. Laut einer Studie** sind bereits über 50 % der Kinder im Alter von 6-13 Jahren mit einem Handy ausgestattet. Können sie noch mit ihren Freunden nach der Schule Regenwürmer suchen oder sich an irgendeiner Ecke festquatschen, ohne dass das Handy klingelt und Mama oder Papa fragen: Wo bist du denn? Was machst Du?
Was passiert, wenn wir jedes Risiko absichern wollen? Können unsere Kinder selbstständig werden, wenn wir sie permanent kontrollieren? Können sie Kreativität entwickeln, wenn wir jede Gefahr aus ihrem Weg räumen? Lernen sie Verantwortung zu übernehmen, wenn sie keinen Freiraum mehr haben?
Manchmal ist es Eltern vielleicht doch lieber, wenn die Kinder sicher zu Hause vor dem Computer sitzen und sich in der Abwehr virtueller Gefahren üben, als wenn sie draußen lernen müssen mit realen Gefahren umzugehen.
Natürlich: Draußen zerreißen sie sich die Hose, sie bekommen nasse Füße, wenn sie die Breite des Baches unterschätzen, vielleicht machen sie auch richtigen Blödsinn. Und müssen dafür geradestehen. Aber vielleicht kommen sie auch dem einen oder anderen Geheimnis der Natur auf die Spur, vielleicht erleben sie, wie ihre Kräfte wachsen, und vielleicht schließen sie in diesem freien, unbewachten Raum auch Freundschaften, die bedeutend bleiben.
Volles, erfülltes Leben gibt es nicht ohne Risiko! Das ist auch eine Wahrheit, die zum Glauben gehört: Ein Fremder, der meinen Weg kreuzt, kann ein Bösewicht sein, aber auch ein Mensch, in dem uns Gott begegnet. Auf einem unbekannten Weg können wir uns verlieren, aber es kann auch der Weg sein, auf dem wir eine wunderbare Erfahrung machen. Wie sollen wir herausfinden, wohin der Weg führt, wenn wir ihn nicht gehen? Wie sollen wir herausfinden, was es für ein Mensch ist, wenn wir ihm nicht offen begegnen?
Musik: Matt Wilson, Feel the sway
Irgendwann um das Jahr 30. Nicht in Chicago sondern in Galiläa. Ein Fremder geht am See entlang.
Sprecher: Und da sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und seinen Bruder Andreas.
Sie warfen gerade ihre Netze in den See aus, denn sie waren Fischer.
Und der Fremde sagte zu ihnen: Kommt, folgt mir; ich mache euch zu Menschenfischern! Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
Ein kleines Stück weiter sah der Fremde zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes. Sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und flickten gerade ihre Netze.
Der Fremde rief sie. Sofort ließen sie das Boot und ihren Vater zurück und folgten ihm. (Matthäus 4, 18-22)
Eigentlich steht hier im Matthäus-Evangelium Jesus und nicht der Fremde. Aber die kleine Verschiebung der Perspektive macht doch deutlich, was an dieser Geschichte besonders ist: für die beiden Brüderpaare ist Jesus zu diesem Zeitpunkt ja noch ein Fremder. Und doch verlassen sie alles und folgen ihm. Sofort!
An ihrem Leben dürfen sie nicht hängen. Aber das hat er ihnen erst später gesagt. Und auch einen Sicherheitshinweis gibt er ihnen nicht, wie sie sich vor Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr, Schwert schützen können; so hat Paulus einmal die Gefahren in der Nachfolge Jesu beschrieben. Aber die Jünger fragen auch nicht nach Sicherheiten, in diesem Moment noch nicht.
Später sehnt sich der eine oder andere schon nach ein kleines bisschen Sicherheit. Lass doch meine Söhne rechts und links neben dir sitzen in deinem Reich, bittet die Mutter für die beiden Söhne, die alles, auch ihren Vater, stehen und liegen gelassen haben, um Jesus zu folgen.Und als Jesus mal wieder eine harte Rede gehalten hat, sorgt sich Petrus: Wir haben alles zurückgelassen und sind dir gefolgt. Was bekommen wir denn jetzt dafür?
Aber in diesem Moment, als Jesus sie anspricht, da stehen sie einfach auf. Unwiderstehlich angezogen, mit vollem Risiko folgen sie ihm nach. Und irgendwie ist das doch ihr Glück: Denn jetzt sind sie dabei, als er Kranke heilt. Sie erleben, wie er mitten auf dem See einen schlimmen Sturm stillt und sie alle rettet. Sie dürfen mithelfen, Tausende von Hungrigen satt zu machen. Überhaupt traut Jesus ihnen, seinen Jüngern, viel zu. Viel mehr, als ihnen jemand je zugetraut hat. Viel mehr, als sie sich selbst zugetraut haben.
Simon Petrus kann auf einmal auf dem Wasser gehen, als Jesus zu ihm sagt: Komm her! In unserem amerikanischen Feriencamp, das wunderschön am Eriesee liegt, dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht einmal ins Wasser gehen. Die Jünger haben ihre Sicherheiten aufgegeben und sind Jesus gefolgt. Sie verlieren ihr altes Leben, aber sie gewinnen das Leben in Fülle.
Musik. Willie Dixon, Walking the Blues
Chicago. Sommer 2012. Ich habe keine eindeutige Antwort gefunden auf die Frage: Wie viel Sicherheit brauchen wir eigentlich? Ich weiß nur: Ich will nicht auf Schwimmwesten, Sicherheitsüberprüfungen am Flughafen und Rauchmelder verzichten. Aber ich möchte nicht jeden Tag Angst haben, dass etwas passieren könnte. Ich will, dass unsere Kinder lernen, Gefahren richtig einzuschätzen, aber ich möchte auch, dass sie dieser Welt und ihren Mitmenschen offen gegenüber treten. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.
Wenn ich mir für sie und uns das Leben in Fülle wünsche, muss ich loslassen und vertrauen lernen. Am letzten Sonntag unseres Sommerkurses in Chicago kann ich Garrett, meinen Mitstudenten aus Kalifornien, überzeugen, mit mir S-Bahn zu fahren. Er hat mir erzählt, dass es das erste Mal in seinem 34-jährigen Leben ist. Erst spielt er etwas nervös mit seinem Handy herum, aber irgendwann steckt er es ein und freundet sich mit einem kleinen Mädchen an. Wie der Zufall es will, geht es mit seinem Vater in die gleiche Kirche wie wir. Als wir uns ein paar Tage später verabschieden, nickt er mir zu und legt etwas auf meinen Platz: ein neues ungestempeltes Ticket für die blueline, die mich zurück zum Flughafen bringen soll. Vielleicht habe ich ja meine Frage falsch gestellt. Vielleicht sollte ich nicht fragen: Wie viel Sicherheit brauchen wir? Sondern: Wie viel Sicherheit haben wir schon?
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine fröhliche Portion Gottvertrauen! Ihre Christel Weber von der evangelischen Kirche.
Schlußmusik Harry jr Connick, Working in the coal mine
* Das Erich-Kästner-Lesebuch, Diogenes Verlag AG, Zürich 1978, S. 265. ** Kim-Studie 2010: 53% der Kinder zwischen 6-13 Jahren besitzen ein Mobiltelefon.
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