Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.09.12; Pfarrerin Daniela Kirschkowski

Zugezogen

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Sie haben sicher schon mal davon gehört: Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürt in jedem Jahr das Wort des Jahres.

2010 war es der „Wutbürger“, dem dann 2011 der „Stresstest“ folgte. Wörter des Jahres werden die Begriffe, die die öffentliche Diskussion in einem Jahr besonders prägen; die für wichtige Themen stehen. Seit 1971 ist das so.

Was uns das sagt? Sprache ist wichtig. Sie ist gleichsam ein Schöpfungsakt: Wenn wir neue Begriffe für etwas finden, dann erfinden wir oft auch gerade die Dinge, die wir mit ihnen bezeichnen. Just in dem Moment, wenn wir das Wort aussprechen, existiert plötzlich etwas, von dem wir vorher nicht mal ahnten, dass es so etwas geben könnte. Wie eben zum Beispiel der Stresstest. Bis 2011 hatten nur Menschen Stress. Das Wort kommt aus der Humanmedizin. Doch plötzlich mussten sich auch Banken, Regierungen, Atomkraftwerke und so weiter Stresstests unterziehen.

Man kann also neue Wörter schaffen und alte Wörter umdeuten. Es gibt aber auch uralte Wörter, die man nur nicht kennt. Und wenn man ihnen begegnet, hat man plötzlich das Gefühl,  mit etwas ganz Neuem konfrontiert zu sein.

Vor ein paar Jahren in der Nähe meines Zuhauses im Münsterland war ich in den Bauernschaften unterwegs und suchte nach einer Adresse. Leider gab es kaum Straßenschilder, aber immerhin: Auf den Höfen am Wege war doch der ein oder andere Mensch zu sehen. Ich hielt an einem Gatter, hinter dem ein älterer Herr an seinem Trecker werkelte. Ich nannte ihm die Straße, die ich suchte und fragte ihn höflich nach dem Weg.

Daraufhin passierte etwas Erstaunliches, nämlich: Stille. Längeres Mustern von oben bis unten. „Totrokken, wie?“ sagte er dann plötzlich. Wie bitte? Ich verstand kein Wort. „Totrokken. Bist nich von hier, wie?“ Und damit ließ er mich stehen.

Bis heute weiß ich nicht wie man dieses Wort richtig ausspricht. Aber vergessen habe ich es nie. Und mittlerweile weiß ich auch, was es heißt. Totrokken. Zugezogen. An manchen Orten scheint man das zu sein, selbst wenn die Familie schon in dritter, vierter oder gar fünfter Generation an diesem Ort lebt.

Bis zu dem Tag, als ich zum ersten Mal dieses Wort hörte, war mir nicht klar, dass ich ein Problem haben könnte. Und dass es auch noch einen Namen dafür gibt: Zugezogen.

Ja, wenn man es so sehen will: Meine Familie ist zugezogen. Meine Großeltern kamen aus Pommern und Ostpreußen. Geflüchtet im Zweiten Weltkrieg. Danach alles verloren. Und wieder alles neu aufgebaut, eine neue Heimat gefunden.

Meine Oma hat immer viel von der Flucht erzählt, von dem „Treck“, das war ihr Wort. 1945 wäre das sicher Wort des Jahres geworden, wenn es diese Auszeichnung schon gegeben hätte.

Und heute gibt es eben neue Wörter. Neue Ereignisse, die das Leben prägen und von denen die Welt erzählt. Manchmal in nur einem einzigen Wort.
Darum, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Wort für Sie heute, auch nur ein einziges: Gott. Ein germanisches Wort, ursprünglich hieß es „Guda“. Zu Deutsch ganz schlicht: „Anruf“. Möchten Sie die Telefonnummer? Sie war schon immer die gleiche – auf dem Treck, für den Wutbürger und beim nächsten Stresstest. 50 15. Ein Wort, eine Nummer. Gott. In Psalm 50, Vers 15 sagt er: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“

Schönen Sonntag! Ihre Pfarrerin Daniela Kirschkowski aus Marl.

Audiobeitrag Zugezogen


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