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Mehr Fehler
"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich versuchen mehr Fehler zu machen."
So der durch seine Gedichte und Erzählungen wie Ein ewiger Traum bekannte argentinische Schriftsteller und Universitätsprofessor Jorges Luis Borges, im Alter von 85 Jahren im Rückblick auf sein Leben.
Mehr Fehler machen. Wie kann man denn darauf kommen? Bei allem Respekt vor der Weisheit eines alten Mannes, - aber mehr Fehler? Wirklich? Hat der Mann vielleicht vergessen, was alles passieren kann, wie hoch der Preis für Fehler sein kann? Was alles passieren kann, wie viel Leid, Schmerz, Enttäuschung durch Fehler entstehen? Borges erklärt: Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen, ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen, ich würde nicht so gesund leben, ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr Bergsteigen. Mehr in Flüssen schwimmen.
Man kann jetzt nicht sagen, dass der Sohn aus gutem Hause Borges all dies nicht getan hätte. Der argentinische Schriftsteller war ein weltgewandter Mann, erfolgreich, in Lateinamerika und Europa zuhause, umfassend gebildet. Er wusste, was es bedeutet mit Grenzen zu leben, seine Haltung zu ändern. Denn auch an ihm ging das Leben nicht spurlos vorbei: mit 50 Jahren erblindet er.
Und doch: mehr Fehler machen? Klar: Das sagen die, die ihre Fehler und die der Anderen überstanden haben. Und sich einen Gewinn vorstellen von einem mehr an Fehlern : mehr reisen, mehr Sonnenuntergänge, mehr Bergsteigen , u.s.w.
Selbstkritisch kann Borges sagen: Ich war einer jener klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten, freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Also: mehr Fehler und mehr gute Augenblicke. Was ist denn die Alternative? Fehlerfrei und permanent produktiv, jederzeit schöpferisch? Funktional betrachtet und wirtschaftlich gesehen wäre das absolut sinnvoll. Wenn wir Maschinen wären. Oder Götter. Ich bin nicht Gott. Ich bin ein Mensch. Nicht perfekt. Fehlerhaft. Manchmal gelangweilt unkreativ. Zur Schuld fähig. Und gleichzeitig: wunderbar gemacht. Einmalig. Mit Würde und Recht beschenkt.
Jeder Mensch ist von Gott vielfältig begabt wie es im Matthäusevangelium heißt und soll sein Licht, seine Gaben, die ihm Gott geschenkt hat, nicht unter den Scheffel, sondern auf einen Leuchter stellen, so, dass es alle sehen können.
Mehr Fehler machen. Dürfen. Mehr Mensch sein. Und leuchten. Begabt ist Jeder und Jede. Manchmal sehr speziell. Manchmal so, dass man es kaum sieht. Leuchten sollen wir alle. Von Perfektion war nicht die Rede.
Mehr Fehler
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