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Werten
Es ist die Pest des 21. Jahrhunderts. Das Bewerten. Im Internet, in der Zeitung, aufgefordert von freundlichen Interviewern am Telefon wird alles und jedes beurteilt.
Hat Jogi Löw die Mannschaf richtig aufgestellt? Sind die Griechen noch per Schirm zu retten? Welche Prominente trug das eleganteste Kleid? Einen festen Platz hat die Frage nach der eigenen Meinung im Internet.
Zu jeder Meldung, die auf meinem Browser steht, können die Nutzer ihren Senf abgeben. Zur Nachricht Ex-Freund von Amy Winehouse liegt im Koma schreibt einer: Wundert sich jemand, dass sich der irgendwann ins Nirwana knallt?, ein anderer: Vielleicht ist das jetzt für alle besser so...
Gut, jeder kann seine Meinung frei äußern und -angesichts vieler Kommentare noch besser - niemand wird gezwungen den Sermon der anderen zu lesen. Trotzdem, finde ich, nimmt das Werten Überhand.
Ein Beispiel: Vor ein paar Wochen habe ich ein Sideboard ersteigert. Preis eingestellt, Zuschlag bekommen, mit dem Verkäufer telefoniert, Möbel abgeholt, bezahlt, fertig. Kein Kunststück. Dachte ich. Dann kam die Mail. Der Kauf gilt erst als abgeschlossen, wenn ich den Verkäufer bewertet habe. Nicht nur anhand einer Skala, sondern bitte auch noch mit ein paar persönlichen Worten. Die Branche will vor schwarzen Schafe warnen, das ist ja okay. Richtig überrascht war ich, dass ich auch bewertet wurde. Als Käuferin.
Gut: Werten ist nicht generell schlecht.
Es ist wichtig, sich eine Meinung zu bilden - zu gesellschaftlichen Zuständen, zu politischen Entscheidungen. Erfahrungen zu machen, Fakten zu kennen, um dann einen Standpunkt zu beziehen. Eigene Werte zu entwickeln, an denen man sich orientiert. Meine Generation hat das wie wohl kaum eine andere in der Schule gelernt. Machtergreifung Hitlers, Reichsprogromnacht, Kriegsende - jeder Jahrestag war Anlass sich mit Ursachen und Hintergründen auseinander zu setzen. Um mündige Bürger zu werden , mussten wir uns mehr als alles andere eine Meinung bilden, werten, Position beziehen.
Doch Werten macht nicht immer Sinn. Meinung hat mit Wissen zu tun und mit Erfahrung. Eine fundierte Meinung hat eine Basis. Meinung heißt nicht, ich habe das Recht zu allem und jedem einen Kommentar abzugeben. Mich vielleicht noch versteckt hinter einem Pseudonym- zum Richter zu machen. Oft aufgrund einer dürftigen Meldung oder wegen ein paar Äußerlichkeiten auf jemandem herumzuhacken.
Meinung endet da, wo das Persönlichkeitsrecht des anderen anfängt. Sein Recht auf Individualität gilt es zu respektieren, Leistung, Kenntnis, Fähigkeiten des Anderen anzuerkennen.
Ihn anzunehmen, wie er ist, wie es in der Bibel, im Neuen Testament heißt. Mit seinen Eigenheiten, seinem Geschmack, seinem Stil. Sich nicht über ihn zu stellen, sondern an seine Seite. Sich für ihn, zu interessieren. Dafür wie er ist, was ihn geprägt hat.
Die Lust am Urteilen geht dann ganz schnell verloren.
Werten
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