Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.09.12; Superintendent Rolf Breitbarth

„Jede Stimme zählt“

„Wir danken Gott für euch alle“. Wie gut das tut, liebe Gemeinde, wenn einer so redet. Wärme und Wertschätzung klingen aus den Worten.

So lautet der Anfang des ältesten Paulusbriefes. Der Apostel schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki, heute als Saloniki bekannt. Damals wie heute war es eine Großstadt. Paulus schrieb an eine christliche Hausgemeinde, eine Handvoll Menschen, vielleicht fünfzig von 10.000 Thessalonichern. Paulus hatte die Gemeinde etwa im Jahr 50 gegründet. Er blieb nur wenige Wochen, predigte, besuchte. Dann kam es zu Tumulten, und er musste fliehen. Zurück blieb eine kleine Gruppe Christen, die so ganz anders lebten als ihre Mitbürger. Sie gaben sich nicht mit sich und dem Vorfindlichen zufrieden.

Sie lebten voller Hoffnung. So wie man lebt, wenn man sich geliebt weiß. Sie besuchten sich und einer stand dem anderen bei. Sie kamen zusammen, teilten Essen und Leben miteinander, beteten und hofften geduldig, dass Jesus Christus wiederkommt, den die Römer als Verbrecher hingerichtet haben. Die Behörden beargwöhnten sie. Sie wurden drangsaliert, aber sie hielten durch. Dieses so ganz andere Leben blieb in Thessalonich nicht verborgen. Und anderswo auch nicht. In den christlichen Gemeinden der ganzen Gegend erzählte man von diesen Fünfzig als leuchtendem Vorbild.  Sie waren wie eine wunderbare Musik. Die Stimmen der Fünfzig klangen zusammen in einem neuen Hoffnungslied.

„Liebe Schwestern und Brüder, ihr seid von Gott geliebt…“ 

Es tut so gut, so eine Stimme zu hören, wenn man nur eine Handvoll unter Tausenden ist.

Hierzulande ist das anders. Zwei Drittel der Bevölkerung rechnet sich einer christlichen Kirche zu. Den Gemeinden macht aber Sorge, dass die Mitgliederzahlen schrumpfen, die finanziellen Mittel wegbrechen, und sich Kirche auf Dauer zur Minderheit entwickeln könnte. An vielen Orten  werden Kirchen geschlossen, Mitarbeitende entlassen, Angebote verringert. Der Gesang in den Gottesdiensten wird scheinbar immer dünner. Die Stimmen derer, die dazu gehören werden immer weniger in der Öffentlichkeit vernommen. Stellen Sie sich vor: Alle Christinnen und Christen würden zusammen das Lob Gottes öffentlich singen. Welch ein vielstimmiger Klang! Überall wäre er zu hören.
Aber so ist es eben nicht. Viele Menschen sind unsicher. Sie sind getauft und konfirmiert, waren schon lange nicht mehr in der Kirche. Ob ich mich da noch zurechtfinde? Blamiere ich mich? Andere stehen der Kirche distanziert gegenüber und überlegen: Kann ich etwas über meinen Glauben sagen, kann ich da mitdiskutieren, wenn ich mich nicht gut genug auskenne? Ja, die Mehrheit würde sich schon als irgendwie gläubig bezeichnen. Aber wie kann man das ausdrücken, was einen im Inneren bewegt?

Und dann dieser Brief des Paulus. „Wir wissen, dass ihr erwählt seid. Denn unsere Predigt kam zu euch mit Kraft und in dem heiligen Geist…“ Das muss ja eine ideale Gemeinde gewesen sein, mag man denken. Aber so war es nicht. Die Menschen damals waren nicht besser als heute, aber sie hatten eine Entscheidung getroffen. Paulus schreibt: „Ihr habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freude im heiligen Geist.“ Heute würde man sagen: Ihr habt das Wort Gottes an euch heran gelassen, obwohl jeder sein Päckchen zu tragen hat. Das Päckchen kann Krankheit heißen oder Abschied. Auf manchen dringt das Alter ein, und er muss lernen, damit fertig zu werden. Andere sind von Sorgen um die Kinder umstellt. Manche wissen nicht mehr, wie sie die Miete bezahlen sollen und den Strom. Was soll dann werden? Viele erheben ihre Stimme und versuchen Antworten. Politiker zum Beispiel. Und auch Kirchenleute. Sie schlagen Lösungen vor, die vernünftig erscheinen. Aber wenn die nicht passen? Zählt neben der Stimme der Vernunft auch die Stimme des Glaubens, wenn ich nach Lösungen suche?

Einem, dem Gewalt, Krankheit und Hunger des dreißigjährigen Krieges in den Knochen saßen, hieß Heinrich Schütz. Er lebte von 1585 bis 1672 und war Musiker. Um ihn herum versuchten die Menschen verzweifelt, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Auch Schütz selbst musste mit Leid und Bedrängnis fertig werden. Welche Stimme für ihn zählte, hören wir jetzt.

MUSIK: Heinrich Schütz „Herr, wenn ich nur dich habe“
Kleines geistliches Konzert für 2 Soprane, Bariton und Basso continuo

Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erden, wenn mir gleich Leib und Seele verschmacht, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Teil II

„Wenn ich nur Dich habe“, Gott, frage ich nichts mehr. Und wenn mein Leben vergeht, so bleibst du, Herr, doch mein Trost. Heinrich Schütz nimmt die Worte des 73. Psalms auf und fasst sie in Klänge.  Gott ist da. Er hat mich lieb. Wie schlicht diese Psalmworte sind und wie sich ihre Stimme durch  die Musik werbend und heilend an uns schmiegt. Sie lädt uns ein, uns von dem abzuwenden, was uns lähmt. Das ist meist die Sorge um mich selbst. Weil ich spüre, dass ich Mangel leide. Ich fühle mich nicht genug geliebt, nicht ausreichend wertgeschätzt, vom Schicksal benachteiligt. Jedes Leben hat solchen Mangel, jeder Mensch kennt diese Momente, in denen er seinen Mangel, seine unerfüllten Sehnsüchte spürt. Und fast immer treibt uns die Sorge: Wir könnten leer ausgehen. Wir müssten mehr für uns sorgen. Der Psalm sagt: Hüte dich davor, dass die Sorge dein Leben auffrisst. …“wenn ich nur dich habe“.

Der Psalmbeter wendet seinen Blick von den Sorgen ab. Er schaut zu dem, der helfen kann: Gott. Und er löst sich so aus der Starre. Das meint Paulus, wenn er nach Thessalonich schreibt: „… wie ihr euch von den Abgöttern abgewandt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen…“ Abkehr von den Abgöttern ist nötig. Was Paulus unter Abgöttern verstand, würden wir als lebensfeindliche Bindungen bezeichnen. Ich denke an die Raffgier, deren Wurzeln in der vor der eigenen Unvollkommenheit liegen. Ich denke an das vergiftete Betriebsklima, in dem gezielte Verleumdungen die eigene Karriere befördern sollen. Erst wenn du frei und froh bist, kann deine Stimme wieder klingen.

Paulus sagt: Am besten geht das, wenn du Gott dienst. Das bedeutet: in seinem Auftrag glauben und handeln. Die Thessalonicher haben das getan. Sie sind losgekommen von der immerwährenden Sorge um sich selbst. Sie haben teilgenommen am Leben der anderen. Sie haben sich auf die Zusage verlassen, dass sie geliebt sind, ja erwählt. Paulus erklärt: Ihr gehört zu Jesus. Deshalb ist Gottes Wahl auf euch gefallen, denn er bindet sich unlösbar an seinen Sohn. Und das gilt für alle und für immer. Die Thessalonicher konnten deshalb ihre lebensfeindlichen Bindungen loslassen und sich im Namen Gottes einander zuwenden, voller Mut, voller Hoffnung. So eine Gemeinde hat Zukunft und strahlt über die Stadtgrenzen hinaus.

Zum Leben füreinander ermutigt… Das kann man den christlichen Gemeinden heute noch ansehen. Wenn Ehrenamtliche in den Gemeinden Menschen besuchen, deren Stimme sich sonst in der Einsamkeit verliert. Finanziell bringt es ihnen nichts ein, sie geben aber dem Leben Stimme gegen die Einsamkeit. Und manchmal klingen dann die klagende und die tröstende Stimme zusammen und sie erleben beide einen Gottesklang. Paulus sagt: Der Heilige Geist wirkt bei euch. Diese Zusage an die Thessalonicher gilt auch heute. Sie geht leider nur allzu oft im Stimmgewirr unserer Zeit unter. Wenn es jedoch gelingt, sie wieder hörbar zu machen, dann hat sie die gleiche hoffnungsvolle, lebendige Kraft wie damals.

Voraussetzung dafür ist das Vertrauen, dass Gott da ist, gerade dann, wenn ich mich selbst loslasse und mich dann ganz neu wieder empfange als geliebter Mensch. Das meint Paulus, wenn er vom Glauben spricht. Glaube macht frei, auch das kleine, treue Handeln zu bemerken. Man kann es erkennen im Blick eines anderen, in einem Händedruck oder im gemeinsamen Schweigen. Auf den Glauben folgt als Antwort das Danke sagen und  das Singen. Wer danken kann, hat ein Gegenüber. Und das heißt: Er ist nicht allein und weiß, wo er hingehört.

MUSIK: Lied EG 281,3 Solo (Alt, Tenor, Sopran)

Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm sei unserm Gott im Heiligtum, der Tag für Tag uns segnet; dem Gott, der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt und uns mit Huld begegnet. Sollt ihm, dem Herrn der Herrlichkeit, dem Gott vollkommner Seligkeit nicht Ruhm und Ehr gebühren? Er kann, er will, er wird in Not vom Tode selbst und durch den Tod uns zu dem Leben führen.

Teil III

Er, Gott, wird „uns zu dem Leben führen“…heißt es in der Liedstrophe, die wir gerade eben gehört haben. Große Worte. Der Mensch, der sie singt, ist sich ganz gewiss: Gott wird uns alle zum Leben führen. Und das singt er laut heraus. Für Gott zählt jede einzelne Stimme. Zum Leben und Glauben brauchen wir andere Menschen. Menschen, die uns geduldig begleiten, die uns vertrauen und die zu uns halten. Wir brauchen Menschen, die ihren Glauben leben und darüber sprechen. So wie Christinnen und Christen in der Gemeinde in Thessalonich darüber gesprochen haben, was sie trägt, ganz unaufdringlich, ganz selbstverständlich. Paulus schreibt: „Euer Glaube an Gott ist bekannt geworden… und „von euch ist der Glaube ausgegangen…“ 

Da spielt es keine Rolle, ob eine Gemeinde klein oder groß ist. Da beginnt eine Stimme zu klingen, deren Gesang vom Geist Gottes getragen wird. Und merkwürdig, so etwas wird gehört. Es kommt es nicht darauf an, ob der Glaube klein oder groß ist, auch nicht ob ein Mensch gebildet ist oder zu welcher sozialen Schicht er gehört. Es kommt allein darauf an zu erzählen, was mich trägt und was mein Herz bewegt.

So wie bei der Sternsingeraktion, die unsere evangelischen Gemeinden zusammen mit den katholischen Gemeinden jedes Jahr im Januar durchführen. Eine gemeinsame Hoffnung ist in uns lebendig: dass es den Kindern im Pangani Haus in Nairobi gut geht. Dort unterhält unsere Partnerkirche, die Evangelisch – lutherische Kirche in Kenia, ein Haus für Mädchen, die in den Slums Furchtbares erlebt haben.  Marodierende Banden verbreiten Gewalt. Erwachsene und Kinder werden überfallen, auch ermordet. Frauen werden vergewaltigt. Das haben diese Mädchen hautnah erlebt. Das Pangani Haus bietet ihnen eine Bleibe. Dort sind Menschen, die es gut mit ihnen meinen und sie an Leib und Seele versorgen. Die Mädchen haben die Chance, in die Schule zu gehen und einen Beruf zu erlernen. Unsere Sternsinger werden zur Hoffnung für die Kinder in Nairobi. Da klingt eine Stimme auf.

Ich glaube, so lebt beispielhaft eine Gemeinde in Gottes Namen. Ich weiß, dass wir Vieles schuldig bleiben und oft versagen. Die ideale Gemeine gibt es nicht, noch nicht. Aber unser Versagen ändert nichts an der Wahrheit, dass Gott uns liebt und jeder und jede von uns für ihn zählt. Wie gut, wenn eine oder einer dann die Stimme erhebt und uns wie Paulus den Thessalonichern sagt: Du bist wertvoll, weil Gott dich in seiner Liebe erwählt hat.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Paulus hat damals den Blick der Gemeinde auf die kleinen, alltäglichen Wunder gelenkt, auf ihren liebevollen Einsatz, wie sie es schafften, ihrer Hoffnung treu zu bleiben, dass das Leben gemeinsam und mit Gottes Hilfe gelingen kann.

„Liebe Schwestern und Brüder, ihr seid von Gott geliebt. Wir wissen, dass ihr in Christus erwählt seid.“ Weil diese Worte im Namen Gottes gut tun, können wir es wagen, unsere Stimmen  zu erheben. Jede Stimme zählt dabei. Du meine Seele singe - zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen. Amen.

MUSIK: Orgel Intonation zu Lied EG 302

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 21.10.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus St. Michael im Kampe aus Detmold gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Frank Erichsmeier.


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