Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.09.12; Andreas Duderstedt

Biblische Redensarten: Über den Kopf wachsen

Sie hat zwei Kinder, die sie allein erzieht. Sie hat Stress am Arbeitsplatz, weil sie oft unkonzentriert ist und häufig fehlen muss; sie fürchtet um ihre Stelle.

Ihre Kleine leidet schlimm an Neurodermitis und jammert oft die ganze Nacht. Der Ältere hat Schwierigkeiten in der Schule. Er soll gewalttätig gegen andere Kinder sein, was sie nicht glauben kann oder nicht glauben will. Und dann immer wieder die aufreibenden Streitereien mit ihrem Ex-Mann, dem Vater der Kinder. Er hetzt ihr das Jugendamt auf den Hals, er will ihr das Sorgerecht entziehen. Jetzt ist auch noch ihr Auto kaputt gegangen... Ihre Freundinnen sagen: „Das wächst ihr alles über den Kopf.“

Dass einem der Schlamassel „über den Kopf wachsen“ kann, ist eine Redensart aus der Bibel. Dort sind es nicht die Alltagssorgen, sondern die eigenen Verfehlungen, über die man nicht mehr hinausblicken kann. Das Alte Testament berichtet von dem Schriftgelehrten Esra, der eine schwere Schuld seines Volkes erkennt und stellvertretend für seine Mitbürger um Vergebung bittet:

Sprecherin: Ich stand auf in meinem zerrissenen Kleid und Mantel, fiel auf meine Knie und breitete meine Hände aus zu dem HERRN, meinem Gott, und sprach: Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Missetat ist über unser Haupt gewachsen, und unsere Schuld ist groß bis an den Himmel. (Esra 9,5-6)

In tief gebeugter Haltung fleht Esra zu Gott. Wortwörtlich zeigt er damit das Ausmaß der aufgetürmten Schuld, die ihm über den Kopf gewachsen ist. Und die Scham hindert ihn, hinauf zu blicken, zu Gott.

Bei der allein erziehenden Mutter wäre die Rede von Schuld und Verfehlungen nicht angebracht. Ebenso wenig bei vielen anderen, denen alles über den Kopf wächst. Diese Redensart hat sich im Lauf der Jahrtausende weiterentwickelt. Sie weist nicht mehr allein auf die eigenen Versäumnisse und Fehler hin, die mich im Griff haben, sondern auch auf das, was mir ohne eigene Schuld über den Kopf wächst. Manchmal bin ich allerdings auch nicht ganz unschuldig dran, wenn mir was zu viel wird: Dann kommt alles zusammen: meine Fehler und Versäumnisse, widrige Umstände, in die ich mich verstricke, dumme Zufälle, falsche Entscheidungen. Die Sprache der Bibel hat verschiedene Bilder für solche Situationen:

Sprecherin: Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. (Psalm 69,2)

– heißt es im 69. Psalm. Man könnte auch sagen: Das Wasser geht mir bis an die Seele, denn im Hebräischen ist das Wort Kehle gleichbedeutend mit Seele.
Oder: Das steht wie ein Berg vor mir. Dann sehe ich nicht mehr weit. Dann überblicke ich nichts mehr. Dann ist es gut, wenn ich weiß: Gott hat einen anderen Blickwinkel. Er kann mir die notwendige Kraft geben – auf tausend Wegen, von denen ich nichts ahne. Er kann mir Menschen schicken, die mir überraschend Mut machen. Auch wenn mir alles über den Kopf zu wachsen droht: Die Hoffnung und das Vertrauen in Gottes unvorstellbare Möglichkeiten sind eine gute Aussicht und fester Grund unter meinen Füßen, wenn ich nicht mehr durchblicke, die Lage nicht mehr überblicke und im Schlamassel zu versinken drohe.

Diese Hoffnung und dieses Vertrauen wünscht Ihnen für den heutigen Tag, Andreas Duderstedt aus Bielefeld

Audiobeitrag Biblische Redensarten: Über den Kopf wachsen


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