Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.09.12; Dr. Werner M. Ruschke

Jeder Mensch ist exzellent, auch der demente

„Was geht in diesem Kopf wohl vor?“ Vor fast vierzig Jahren fragte das meine Mutter gelegentlich, wenn sie sich Gedanken darüber machte,

was ihre Enkeltochter wohl gerade denken würde. Wenige Wochen erst war diese alt, und ihr zugleich neugieriger und zurückhaltender Blick schien auf ein erstauntes Erkunden ihrer Umwelt hinzudeuten. Wie nahm sie diese Welt und uns wohl wahr?

„Was geht in diesem Kopf wohl vor?“, das ist für mich seither zu einer Redewendung geworden, wenn mir andere Menschen ein Rätsel sind. Von einer solchen rätselhaften Begegnung will Ihnen, sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, heute erzählen. Sie ereignete sich in einem der Altenpflegeheime, für die ich mitverantwortlich bin. Mein Name ist Werner Max Ruschke, und ich bin ich Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes, einem großen diakonischen Träger in Westfalen mit Angeboten vor allem für alte, aber auch für behinderte und für sozial benachteiligte Menschen.

Musik Georges Moustaki, Sinfoneiro

„Was geht in diesem Kopf wohl vor?“, das fragte ich mich während eines Festgottesdienstes eines Altenpflegeheimes. Ich saß neben eine Bewohnerin im Rollstuhl. Sie war in sich versunken, hatte auf meinen Gruß nicht reagiert und nahm mich auch in der Folgezeit nicht wahr. Ebenso schien der Gottesdienst sie nicht zu erreichen. Sie war offenbar woanders, in ihrer eigenen Welt. Dabei machte sie mit ihren Fingern und Armen ständig eigenartige aufeinander zugehende Bewegungen, so als wollte einen Faden durch ein Nadelöhr führen. Das gelang offenbar nicht, denn in großer Geduld versuchte sie es mit geschlossenen Augen immer wieder. Ungeduldig war allein ich, wie gerne hätte ich ihr doch beim Einfädeln geholfen. So sehr beschäftigten mich ihre erfolglosen Bemühungen, dass ich mich zwingen musste, dem Gottesdienstablauf zu folgen.

Die Festgemeinde sang, doch keine Reaktion bei meiner fadeneinführenden Nachbarin. Die Gemeinde sprach den Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, viele Menschen kennen ihn ja auswendig, wiederum keine Reaktion, nur das weiterhin erfolglose Hantieren mit imaginären Nadel und Faden. Ich ertappte mich bei dem Gedanken: „Wenn diese Frau doch von allem, vom Gottesdienst mit seinen Liedern und Gebeten und von den Menschen um sie herum so gar nichts mitbekommt, warum hat man sie hier überhaupt hingefahren?“

Und dann kam die Predigt über den gemeinsam gebeteten Gute-Hirte-Psalm. Auch hier keine Reaktion bei meiner Nachbarin, nicht einer der Sätze schien in ihre Welt eindringen zu können. Gegen Ende seiner knappen Auslegung bekannte der Prediger: „Rückblickend auf mein Leben kann ich sagen, ich habe Gott so manches Mal als guten Hirten erfahren.“ Und er setzte dann hinzu: „Vielleicht geht Ihnen das ja auch so.“ Daraufhin antwortete meine bis dahin stumme Nachbarin () mit klarer Stimme: „Ja, damals auf der Flucht aus Ostpreußen.“

„Was geht in diesem Kopf wohl vor?“, dachte ich. Da ist eine alte Frau, die wegen ihrer Demenz ihre Umwelt anscheinend gar nicht mehr wahrnimmt, die nichts mitbekommt, die nur mit sich und ihrer eigenen Welt beschäftigt ist, und plötzlich gibt sie an der richtigen Stelle auf eine Frage eine vernünftige Antwort, die Nachdenken über ihr eigenes Leben voraussetzt.

Und ich hatte sie fast ausgrenzen wollen aus dem gemeinschaftlichen Leben, hatte mich von meiner Sichtweise, meiner begrenzten Einsicht blenden lassen: „Was ging in meinem Kopf bloß vor!“

Wir haben in der Altenhilfe inzwischen vieles gelernt, um demente Menschen besser zu verstehen, ihre manchmal wunderlichen Äußerungen zu begreifen, ihr mitunter verstörendes Verhalten zu deuten. Und wir lernen weiter dazu, um ihre Wünsche zu erkennen und um ihnen ein angemessenes Umfeld zu schaffen. Doch was sich wirklich in den Köpfen dementer Menschen abspielt, das wissen wir nicht. Wohl aber wissen wir, dass etwas, ja dass vieles in ihren Köpfen vorgeht, dass sie hören und empfinden, wissen und wollen, denken und erinnern. Allerdings geschieht dass häufig in einer für unsere Köpfe kaum nachvollziehbaren und einsichtigen Weise. Demente Menschen sind uns von daher oft ein Rätsel, genauso wie wir ihnen offenbar oft ein Rätsel sein können.

Wir bestimmen den Wert eines Menschen ja häufig nach dem, was er hat, nach seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und seinem Vermögen. Dabei ist – jedenfalls nach biblischem Verständnis – nicht ein solches Haben das Entscheidende für den Wert eines Menschen, sondern sein bloßes Sein, also allein die Tatsache, dass er da ist und lebt. Das menschliche Leben als solches verdient Respekt und – um es mit einem heute etwas altertümlich klingenden Begriff zu sagen – Ehrfurcht. Das nämlich war einer der tragenden Begriffe im Denken des Theologen und Philosophen, Musikers und Arztes Albert Schweitzer. Er schrieb einmal:

Sprecher: „Ich rufe die Menschheit auf zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollen und weniger wertvollen, höherem und niedrigerem (und ich füge hinzu: zwischen nicht dementem und dementem) Leben. Wer von uns weiß denn, welche Bedeutung das Leben an sich und im Weltganzen hat?“

Wohl, wir Menschen kennen diesen Sinnzusammenhang nicht, aber als Christenmenschen vertrauen wir darauf, dass es ihn in Gott gibt. Und wir glauben und wissen, besser: wir wissen glaubend, dass Gott jeden Menschen ohne Beachtung seiner Defizite kennt und wahrnimmt, annimmt und schätzt. Das bestärkt uns und fordert uns zugleich dazu heraus, auch demente Menschen in ihren manchmal so befremdlichen Eigenarten anzunehmen und sie wertschätzend zu begleiten und zu pflegen. Auch wenn unserem Verstehen Grenzen gesetzt sind, wir vertrauen darauf, dass Gott selbst die Gedanken von dementen Menschen versteht. Dieses Vertrauen hat seinen Grund in einem Gedicht, in den ersten sechs Versen des biblischen Psalm 139. Dort heißt es:

SprecherIn
Herr, du erforschest mich
und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
Du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
Du siehst, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du Herr, nicht schon wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.

Musik Georges Moustaki, Le temps de vivre, LC 03098

Es gibt Aufgaben, die wir alten Menschen gegenüber haben. Es gibt aber auch Aufgaben, die alte Menschen für sich selber zu leiste haben. Welche veranschaulicht Gedicht des zeitgenössischen Autors  Shel Silverstein; es heißt „Der kleine junge und der alte Mann“:

Sprecher
Sagte der kleine Junge: „Manchmal fällt mir der Löffel hin.“
Sagte der kleine alte Mann: „Mir auch.“
Der kleine Junge flüsterte: „Ich mach‘ mir in die Hose ohne Zweck und Sinn.“
Der kleine alte Mann lachte: „Ich mir auch.“
Sagte der kleine Junge: „Ich weine oft, wenn ich traurig bin.“
Der alte Mann nickte: „Ich auch.“
„Aber was ich am schlimmsten finde“, sagte der Junge,
„Das ist: Niemand hört zu, und ich sage was.“
Er spürte einen runzligen Händedruck, und dann
Hörte er „Ich weiß, was du meinst“ von dem kleinen alten Mann.

Zum Älterwerden gehört es, mit Abschieden und mit Verlusten leben zu lernen, auch mit den Verlusten von eigenen Fähigkeiten, sei es erlernten, sei es natürliche körperlichen. Das zu akzeptieren, ist nicht einfach. Es ist alles andere als einfach, für sich anzunehmen, dass man in manchen Dingen wieder so unbeholfen und hilfebedürftig wird wie ein Kind. Und es fällt dann vielen Menschen ganz schwer, von anderen Hilfe anzunehmen oder gar von ihr abhängig zu sein. Dieses Werden wie ein Kind wird von manchen als sie entwürdigend empfunden. Dabei gehört es doch zu einem gebotenen Umgang mit Kindern, sie in ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe ernst zu nehmen, zu fördern und zu schützen. Sie haben nämlich nach christlichem Verständnis allein durch ihr Dasein eine von Gott geschenkte Würde, die ganz und gar unabhängig ist von dem, was sie noch nicht können. Und ebenso haben alte Menschen eine von Gott geschenkte Würde, die ganz und gar unabhängig ist von dem, was sie nicht mehr können. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, sagt Jesus einmal in einem anderen Zusammenhang als dem unsrigen. In Anspielung darauf sage ich: Wenn alte und hilfebedürftige Menschen nicht werden wie Kinder, wenn sie nicht das Vertrauen erlernen, sich von anderen helfen und pflegen und begleiten zu lassen und wenn sie ständig den verlorenen Fähigkeiten und der verlorenen Selbständigkeit nachtrauern, dann werden sie kaum zufrieden sein im Alter. Zur Zufriedenheit hingegen hilft etwas von dem stillen Humor des alten Mannes im Gedicht.

Musik Sidney Bechet, Si tu vois ma mère, LC 00316

Vor einiger Zeit zogen an mir in Berlin auf einer der Hauptstraßen demonstrierende Studenten vorbei. Sie protestierten gegen eine aus ihrer Sicht verfehlte Bildungspolitik, die vor allem für die Förderung von Eliten viel Geld auszugeben bereit ist, nicht aber für die breite Masse der Normalbegabten. Angeprangert wurden dabei auch die sogenannten Exzellenz-Cluster, also Förderprogramme für nur von Hochbegabten zu bewältigende Forschungsprojekte. Mitten unter diesen Protestierenden marschierte eine Studentin mit einem kleinen selbstgestalteten Schild, das es verdient hätte, größer und besser lesbar zu sein. Es zeigte nämlich den Satz „Jeder Mensch ist exzellent!“.

Jeder Mensch ist exzellent. Jeder Mensch ist ausgezeichnet, hervorragend, vortrefflich. Das ist in vier Worten der Inhalt des biblischen Menschenverständnisses und zugleich jenes Verständnisses, das Gott von seinen Geschöpfen hat. Unabhängig von dem, was er hat oder weiß oder vermag, gilt nämlich: Jeder Mensch ist anders und je für sich exzellent.

Ich wünsche Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, dass auch Sie in der Gewissheit leben, ein von Gott geliebter exzellenter Mensch zu sein. Ihr Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche aus Münster.

Musik   Georges Moustaki, Le métèque       LC 06350

Literatur: Shel Silverstein: Ein Licht unterm Dach. Deutsch von Harry Rowohlt; Kein & Aber Verlag, Zürich 2010, Seite 105: Der kleine Junge und der alte Mann.


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