Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.09.12; Pfarrerin Daniela Kirschkowski

Schuhe ausziehen!

Tja. Das hat man jetzt davon. Wieder mal nicht aufgepasst heute morgen. Und jetzt stehe ich da. Ich stehe da und starre es an. Das Loch in meinem Socken.

Erzählen Sie es bitte niemandem weiter, was ich Ihnen jetzt gestehe: Fast alle meine Socken haben Löcher. Und zwar immer so ungefähr in der Mitte, so über dem Mittelzeh. Und ganz ehrlich: Ich weiß wirklich nicht wie es immer dazu kommt. An meinen Füßen liegt es jedenfalls ganz sicher nicht – nur um allen Spekulationen vorzubeugen. Auch nicht daran, dass ich etwa geizig wäre und am Sockenkauf sparen würde.

Was mache ich jetzt nur? Es hilft ja nichts. Da auf dem Schild steht´s halt: „Bei uns zieht man die Schuhe aus.“

Und Sie werden kaum glauben, wo ich bin. Ich stehe nicht etwa vor der Tür einer gut gepflegten Wohnung. Nein! Ich stehe dort, wo man niemals damit rechnen würde, dass man gleich barfuß gehen muss: Vor den Jugendräumen einer Kirchengemeinde in der Nachbarstadt.

Sie kennen solche Räume vielleicht: Die sind meistens nicht schön. Eher, sagen wir: praktisch. Warum nur soll ich ausgerechnet hier die Schuhe ausziehen? 
Na, schauen wir mal rein... Auf leisen Sohlen läuft man hier schon mal nicht. Gerade flitzen zwei Fünfjährige auf Socken an mir vorbei. Da! Jetzt fallen Sie fast hin.  Auf Socken fangen spielen. Das kann ja auch kaum gut gehen.

Ah, der Jugendreferent kommt. Mit ihm bin ich verabredet. Oha, gleich ist es soweit. Gleich wird er das Loch in meinem Socken sehen. Peinlich! Was soll ich jetzt nur machen? Vielleicht schaffe ich es schnell zu dem Tisch da vorne.... wobei: einfach setzen ist ja auch unhöflich. Füße übereinander stellen? Das sieht so verklemmt aus... Also gut: Flucht nach vorn. „Sag mal, was ist das denn für eine lustige Regel, die ihr hier habt? Schuhe ausziehen? Da hättest Du mich ja mal vorwarnen können, dann hätte ich ein paar ordentliche Socken angezogen! Habt ihr hier heiligen Boden oder was?“

Lachend fällt sein Blick auf meine Füße.  „Heiligen Boden? Sowas ähnliches“, sagt er. „Komm mal mit, dann erkläre ich es dir.“ Auf Socken tapsen wir also wieder gemeinsam Richtung Tür. Vor dem großen Haufen ausgetretener Turnschuhe, Slipper und Sandalen machen wir halt. Alles durcheinander. „Dass hier überhaupt noch jemand seine Sachen wiederfindet.“, sage ich.  „Siehst Du“, antwortet der Kollege lachend, „genau darum haben wir hier so viele Kinder auf unserem heiligen Boden. Weil sie erst ihre Schuhe ausziehen müssen – und weil es so lange dauert, bis sie sie wieder gefunden und angezogen haben – bleiben sie hier. Früher liefen sie rein und raus, blieben nur zehn Minuten und waren wieder weg – heute sind sie die ganze Zeit bei uns.“

Was für eine grandiose Idee! Wer hat das denn erfunden? Ach, ich weiß! War es nicht ... Gott? Ihm begegnete mal so ein junger Mann, der wäre am liebsten vor ihm weg gelaufen. Und was hat Gott zu ihm gesagt: „Mose, Mose, zieh deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem Du stehst ist heilig.“ (2. Mose 3,5)

Was mir das sagt? Nun: Manchmal ist mir zum Weglaufen zumute, weil da ein Loch ist. In meinem Socken eben – oder in meinem Innern. Aber gerade in den kleinen Löchern meines Lebens können große Begegnungen auf mich warten. Und einer möchte, dass ich bleibe.

Gehen Sie doch heute mal barfuß, liebe Hörerin, lieber Hörer. Wer weiß, ob Sie nicht auf heiligem Boden haften bleiben. Ihre Pfarrerin Daniela Kirschkowski aus Marl

Audiobeitrag Schuhe ausziehen!


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