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Alphabetisierung
Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Und obwohl wir uns das Jahr über vor traditionellen und nagelneuen Gedenktagen kaum noch retten können,
will ich heute den Weltalphabetisierungstag in den Blick rücken, der auch Weltbildungstag heißt. Er findet immer am 8. September statt, weltweit und das schon seit bald fünfzig Jahren. Die UNESCO, die ihn ins Leben gerufen hat, erinnert mit ihm an das Vorhaben, bis zum Jahr 2015 den Alphabetisierungsgrad der 15- bis 24-Jährigen in sämtlichen Ländern der Erde auf 99% zu steigern.
In Mitteleuropa liegt der Alphabetisierungsgrad schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts bei fast 100 Prozent. Trotzdem fängt man bei uns an, sich um die allgemeine Sprachfähigkeit und den Bildungsgrad junger Menschen ernste Gedanken zu machen. Erst diesen Sommer wieder haben Hochschulprofessoren und Philologenverbände Alarm geschlagen: Studienanfänger weisen große Lücken in Rechtschreibung, Grammatik und Lesekompetenz auf. Satzbau und Rechtschreibung sind selbst in Dissertationen oftmals katastrophal. Vermutlich schreiben schon die Lehrer Abitur mit h.
Schuld an dieser bedenklichen Entwicklung sei vor allem die via SMS und Facebook gepflegte Kurzsprache. Der Vorwurf ist nicht originell. Trotzdem ist er natürlich auch nicht ganz falsch. Wer nur noch in Fetzen kommuniziert, verliert auf Dauer eine gewisse Ausdrucksfähigkeit. Es geht ja nicht immer nur im die pure Info. Manchmal sollen auch die Nuancen wichtig sein. Die Meldung Chi-Rho tot 3 day-after i-wie lebendig hdgl ist nicht ganz dasselbe wie die Feststellung: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Irgendwas ist da verloren gegangen; das werden selbst diejenigen zugeben, die mit dem biblischen Satz nicht iel anfangen können.
Vielleicht sollten wir uns ausgerechnet von den ärmsten und benachteiligten Regionen dieser Erde daran erinnern lassen, ein wie kostbares Gut Bildung ist. Gerade die junge Generation in Afrika und Asien weiß, dass, wenn überhaupt, nur Bildung eine Chance bietet, sich aus dem Elend zu strampeln und irgendwann ein Stück vom Kuchen abzukriegen. Große Opfer werden von den Familien gebracht, damit die Kinder Lesen und Schreiben lernen können. Das war bei uns vorzeiten nicht anders. Nicht umsonst heißt es im Sprichwort: Wer schreibt, der bleibt. Und auch heute gilt: Bildung ist der beste Schutz vor Armut. Dass in der Hartz-IV-Gesellschaft soziale Not inzwischen von einer zur nächsten Generation vererbt wird, liegt vor allem daran, dass die betroffenen Kinder aus sogenannten bildungsfernen Milieus stammen und speziell in Deutschland praktisch überhaupt keine Chance bekommen, eine höhere Schule zu besuchen.
Dass alle Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit eben unterschiedslos teilhaben sollen am Leben und Ergehen der Gemeinschaft das ist eine uralte Forderung des christlichen Glaubens. Es ist übrigens auch eine Forderung des demokratischen Rechtsstaats. Voraussetzung dafür ist: Zugang zur Bildung. Für alle. Dass es daran auch in unserem reichen Land hapert, muss man leider feststellen. Darüber sollten sich allerdings als letztes die Hochschullehrer und Philologenverbände aufregen. Denn wenn die Bildung immer schlechter und vor allem immer ungerechter wird, fragt sich natürlich schon, was eigentlich die Schulen und Universi-täten dagegen tun.
Alphabetisierung
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