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Schokolade macht nicht dick
Wenn ich wirklich Aufmerksamkeit erregen will, dann rede ich über`s Essen. Essen finden alle wichtig. Am besten in der Kombination:
Es soll schmecken und nahrhaft sein und gesund, und man soll dabei noch abnehmen. Alles gleichzeitig. Kein Wunder, dass der diesjährige Sommerhit in deutschen Bäckereien das sogenannte Eiweißbrot ist: bloß 6 statt sonst 44 Prozent Kohlehydrate, dafür über 20 statt sonst bloß 5 Prozent Eiweiße. Die Folge: Wer sich abends seine Eiweißstulle schmiert und anschließend zur Ruhe geht, wacht morgens erleichtert auf. Die Pfunde purzeln im Schlaf.
Auf so was fährt der ebenso genusssüchtige wie gesundheitsbewusste Deutsche ab. Und weil sich das herumgesprochen hat, werden wir aus den ernährungsmedizinischen Labors förmlich bombardiert mit revolutionären Meldungen, die uns eigentlich veranlassen müssten, im Interesse unserer Gesundheit alle Naselang unsere Essgewohnheiten umzustellen: Kaffee schützt vor Schlaganfall. Brokkoli verhindert Brustkrebs. Und Schokolade, juhu, macht doch nicht dick. Alles unter der Überschrift: Wissenschaftliche Studie beweist
Solche Studien hat sich kürzlich der Journalist Klaus Koch im SPIEGEL vorgeknöpft. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten Gesundheitsnachrichten einen schweren Geburtsfehler haben. Die hinter ihnen steckende Untersuchung ist eine sogenannte epidemiologische Beobachtungsstudie, bekannt aus der Seuchenforschung. Man befragt Erkrankte, man befragt zur Kontrolle Gesunde, und aus den Verhaltensunterschieden zieht man seine Schlüsse. Man stellt Menschen auf die Waage, fragt sie, wie viel Schokolade sie gegessen haben, teilt sie anschließend in die Dicken und die Dünnen ein und stellt fest: Schokolade macht nicht dick.
Um den Nutzen bestimmter Ernährungsprodukte oder präparate nachweisen zu können, braucht man in Wirklichkeit deutlich aufwändigere und mehr zufallsgesteuerte Versuchsreihen. Die sind aber teuer. Viel einfacher ist es, eine spektakuläre Behauptung aufzustellen. Irgendwer druckt sie schon. Denn, wie gesagt: Wir gieren förmlich danach zu wissen, was wir alles essen dürfen, ohne uns damit zu schaden.
Wer von der Bibel herkommt, kann solchem Treiben nur mit Kopfschütteln begegnen. Im Buch Jesaja heißt es zum Beispiel in Sachen Esskultur: Brich dem Hungrigen dein Brot, und, so geht es weiter, die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus. Und wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn. Beim Essen geht es also offenbar nicht so sehr darum, was gesund und schlank macht, sondern ob es gerecht oder ungerecht zugeht. Zunächst mal ist wichtig, dass nicht nur einige, sondern alle was zu essen haben, dass der Hungrige satt ist, der Elende ein Obdach hat und der Nackte sich kleiden kann. Unter diesem Blickwinkel verliert die Frage, ob Schokolade dick macht, deutlich an Interesse. Mehr Aufmerksamkeit verdient zum Beispiel die Überlegung, was die Schokolade hierzulande kostet und was, im Vergleich, der Kakaopflücker in Mittelamerika oder Afrika dafür an Lohn kriegt.
Wenn man solche Gesichtspunkte zur globalen Gerechtigkeit zu Ende denkt, darf man ver-mutlich irgendwann gar nichts mehr essen. Trotzdem ist es mit Sicherheit sinnvoller, sich hin und wieder solche Zusammenhänge klarzumachen und fair gehandelte Produkte einzukaufen, als auf die nächste ernährungsmedizinische Sensation zu lauern. Das schlank machende Eiweißbrot verschwindet übrigens schon wieder aus dem Handel. Es hat sich herausgestellt, dass sein Fettanteil drei- bis zehnmal so hoch ist wie bei normalem Brot.
Schokolade macht nicht dick
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