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Pascals Wette
Autor: Heute vor 350 Jahren starb Blaise Pascal. Ein Mathematiker, Physiker und Literat, der über Gott ebenso eigenständig nachdachte wie über mathematische Probleme.
Er wandte sich an Zeitgenossen, die in der Welt des Rechnens und Denkens zuhause waren. An weltlich geprägte neuzeitliche Menschen. Ihnen allen wollte er zeigen, dass Glaube und Vernunft sich ergänzen. Wer Gott vernachlässigt, versäumt das Wichtigste im Leben. Mein Name ist Sven Keppler, ich bin evangelischer Pfarrer in Versmold. Mich beeindruckt besonders, wie Pascal das Fragen nach Gott schmackhaft machte.
Die Besonderheit des französischen Denkers wurde zu allen Zeiten gesehen. Der Romantiker Chateaubriand hat beschrieben, wie weit seine Horizonte reichten:
Sprecher: Es gab einen Menschen, welcher im zwölften Jahre mit Strichen und Kreisen mathematische Sätze erfand, welcher mit sechzehn die gelehrtesten Abhandlungen über Kegelschnitte schrieb, die man seit dem Altertum gelesen hatte; [...] welcher mit dreiundzwanzig das Phänomen des Luftdrucks bewies und einen der großen Irrtümer der Naturkunde zerstörte; welcher in dem Alter, wo die andern Menschen kaum zu leben beginnen, nach einem Laufe durch den ganzen Umkreis der menschlichen Wissenschaften das Nichts derselben durchschaute, und seine Gedanken zur Religion hinwandte [...] und auf das Papier Gedanken hinwarf, die eben so gut zu Gott wie zum Menschen passen. Dieses außerordentliche Genie nannte sich Blaise Pascal.
1. Musik Jean-Baptiste Lully: Lórchestre Du Roi Soleil, Titel Alceste, 1674: Loure Pour les Pêcheurs
Autor: Warum soll ich mich als vernünftiger Mensch auf Gott einlassen? Was geht mich der Glaube an? Meine Vernunft kann genügend Rätsel der Welt alleine lösen. Wenn ich so frage, bietet mir Pascal eine Wette an. Er stimmt mir zu, dass ich Gott mit meiner Vernunft nicht erfassen kann. Als Mathematiker weiß er, dass Gott zum Beispiel anders ist als das Unendliche in der Mathematik. Denn das hat eine Ausdehnung, Gott aber nicht. Gott übersteigt meine Vernunft. Warum soll ich es dennoch mit dem Glauben an ihn versuchen?
Pascal versucht mich zu überzeugen, indem er mich zu einer Wette einlädt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Gott ist. Oder er ist nicht. Zwischen diesen beiden Alternativen muss ich mich entscheiden. Vor der Wahl drücken kann ich mich nicht. Denn das wäre eine Entscheidung gegen Gott. Worauf also setze ich meinen Einsatz: darauf, dass Gott ist? Oder darauf, dass kein Gott ist?
Mein Einsatz besteht anscheinend aus zweierlei, denn beides steht bei dieser Wette auf dem Spiel: meine Vernunft und meine Seligkeit. Die Gegner Gottes sagen: Man opfert seine Vernunft, wenn man glaubt. Seine Anhänger sagen dagegen: Wenn man nicht glaubt, gefährdet man die eigene Seligkeit.
Pascal zeigt jedoch, dass meine Vernunft nicht auf dem Spiel steht. Denn, wie gesagt: Gott übersteigt meine Vernunft. Mit ihr kann ich weder sagen, ob Gott ist, noch, ob nicht. Es ist vernünftig, die Grenzen der Vernunft zu erkennen. Und zu sagen: In der Frage nach Gott geht es nicht um Vernunft oder Unvernunft. Sondern um etwas jenseits davon.
Was also allein auf dem Spiel steht, ist meine Seligkeit, das erfüllte Leben. Die Gegner Gottes könnten sagen: Wenn ich glaube, vertue ich mein Leben. Denn ich richte es auf etwas aus, was es gar nicht gibt. Die Anhänger Gottes sagen dagegen: Wenn ich nicht glaube, verspiele ich die ewige Seligkeit. Die Fülle des Lebens nach meinem Tod. Von meinem gegenwärtigen Leben ganz zu schweigen. Denn auch das gewinnt ja durch den Glauben.
Pascal versucht, mir die Entscheidung zu erleichtern. Er prüft, was geschieht, wenn ich auf Gott wette und wenn ich dabei tatsächlich mein Leben einsetze. Was kann geschehen, wenn ich verliere, weil Gott nicht ist? Ich würde mein endliches Leben vertun. Denn ich hätte es auf etwas ausgerichtet, das es gar nicht gibt. Aber was geschieht, wenn ich gewinne? Ich gewinne unendliches Glück! Ein Leben, das schon jetzt durch den Glauben eine große Tiefe gewinnt. Das nach meinem Tod erneuert wird und das ich in unendlicher Fülle genießen kann. Es steht also eine endliche, begrenzte Verlustmöglichkeit gegen die Aussicht auf einen unendlich großen Gewinn. Ist es da nicht zwingend, dass ich die Wette auf Gott wage? Wenn ich so viel mehr gewinnen kann als verlieren?
2. Musik Eric Lévi, The Mass Titel: Avemano Orchestral
Autor: Das Wettangebot ist ganz unterschiedlich aufgenommen worden. Albert Raffelt hat in seiner lesenswerten Einführung in Pascals Denken kritische Reaktionen gesammelt.
Sprecher: Schon der erste Kommentator, der Abbé Villars, fand den Text skandalös, Voltaire schlicht kindisch und so geht es weiter bis in unsere Tage. [...] Nützlichkeitserwägungen haben bei der Betrachtung ethischer und religiöser Themen immer eine peinliche Seite. Auch bei Pascals Argumentation ist der Hauptanstoß das anscheinend vorausgesetzte Nützlichkeitsdenken. Kardinal Journet sagt von Pascals Wettendem, er scheine gierig auf Gewinn, sei niedrig gesinnt und ohne Großherzigkeit.
Autor: Treffen diese Einwände auf Pascal zu? Appelliert sein Wettvorschlag an niedrige Regungen? Oder ist seine verblüffende Wette anders gemeint? Berührt sie viel tiefere Einsichten? Diese Frage lässt sich leichter beantworten, wenn man einen Blick auf die Entwicklung seines Denkens wirft. Unternehmen wir einen Ausflug in das Paris während des Dreißigjährigen Krieges und in die Jahre danach.
3. Musik Eric Lévi, The Mass Titel: Voxifera
Autor: 1646, zwei Jahre vor Ende des Dreißigjährigen Krieges. Pascal ist 23 Jahre alt. Durch einen Zufall kommt er in Kontakt mit dem Kloster Port Royal bei Versailles. Sein Vater ist von Ärzten behandelt worden, die dem Kloster nahe stehen.
Die Frömmigkeit von Port Royal war eines der aufregendsten Phänomene im damaligen Katholizismus. Angestoßen durch den Bischof Cornelius Jansen war dort der Kirchenvater Augustin wieder entdeckt worden. Und über ihn die Theologie des Paulus. All die tiefen Einsichten in die Problematik des Menschen: In die Brüche der menschlichen Existenz. In seine Unfähigkeit, von sich aus mit Gott ins Reine zu kommen. Gottes Liebe kann nicht durch ein frommes Leben erworben werden. Auch nicht, wenn die Kirche die Anforderungen Gottes ermäßigt. Sondern Gott wendet sich aus eigenem Entschluss dem Menschen zu. Liebevoll schenkt er durch Jesus Christus neues Leben. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes und kann nicht erarbeitet werden. Auch nicht durch noch so konzentrierte Anstrengungen der Vernunft.
Pascal ist von dieser Theologie tief beeindruckt. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon eine Berühmtheit. Er hat ein mathematisches Theorem entwickelt, eine der ersten Rechenmaschinen konstruiert und experimentell das Vorhandensein des Luftdrucks erwiesen. Theologisch ist er nicht geschult. Aber ausgerechnet diesem Menschen mit seinen außerordentlichen intellektuellen Fähigkeiten leuchtet ein, dass der Mensch ein zwiespältiges, gebrochenes Wesen ist.
Durch Port Royal gerät Pascal mitten in die kirchlichen Streitigkeiten der Zeit. Die Skepsis gegenüber den Möglichkeiten des Menschen widersprach den Lehren der Jesuiten, die damals den Ton angaben. Die Anhänger Bischof Jansens wurden von den Jesuiten in die Nähe der Protestanten gerückt. Das entsprach aber nicht ihrem Selbstverständnis. In Port Royal wollte man an Augustin anknüpfen und dadurch bewusst katholisch sein. Man drehte deshalb den Spies um und klagte die französische Krone an, weil der katholische König im Krieg ein Bündnis mit den Protestanten eingegangen war. Gegen den Papst. Dadurch wurde aber auch der Sonnenkönig zum Gegner von Port Royal. Es kam zu Verhaftungen.
In dieser Situation schreibt Pascal die berühmten Briefe in die Provinz. Natürlich anonym. Scharfzüngig stellt er die kirchliche Willkür bloß. Die lächerliche Oberflächlichkeit der damaligen jesuitischen Regeln. Und die parteiliche Anmaßung des Staates. Diese Briefe erregen enormes Aufsehen und prägen die öffentliche Stimmung. Mit der Zeit sieht Pascal jedoch ein, dass Satire und Polemik auch nicht zum Ziel führen. Da wächst in ihm eine große Idee. Er will für sein Verständnis des Christentums werben. Für die tiefen Einsichten von Paulus und Augustin. Aber er versucht gar nicht erst, die kirchlichen Gegner zu gewinnen. Sondern er wirbt um die weltliche Öffentlichkeit. Um die Menschen, denen die Kirche mit ihren Parteienkämpfen fremd geworden ist. Die stattdessen gelernt haben, auf ihre Vernunft zu setzen. Das ist der Hintergrund, vor dem er die Wette anbietet.
4. Musik Eric Lévi, The Mass Titel: Voxifera
Pascals Werbung für das Christentum ist unvollendet geblieben. Die Vorarbeiten sind unter dem Titel Pensées veröffentlicht worden Gedanken über die Religion. Unter diesen Gedanken findet sich auch der Text über die Wette. Für mich spricht sie weder Habgier noch niedere Instinkte an. Ganz im Gegenteil. Der Wissenschaftler Pascal weiß, dass der Glaube nicht umsonst zu haben ist. Dass es keine billige Verbindung von Vernunft und Glauben gibt. Denn der Glaube führt zu der kränkenden Einsicht, dass unsere Existenz gebrochen ist und wir von uns aus Gott nicht gewinnen können. Pascal zeigt jedoch, dass diese Einschätzung sehr vernünftig ist. Und dass die Vernunft selbst einsehen kann, dass Gott ihre Begriffe übersteigt. Diese Kränkung ist die Kehrseite aller Schätze, die der Glaube bereithält. Pascal wirbt dafür, es dennoch mit dem Glauben zu versuchen. Die Einladung bleibt bedeutsam, solange es aufgeklärte, vernünftige Menschen gibt auch 350 Jahre nach Pascals Tod. Er selbst fragt am Ende der Wette:
Sprecher: Welches Übel wird Euch nun aber daraus erwachsen, wenn Ihr den Entschluss zum Glauben fasst? Ihr werdet getreu, redlich, demütig, dankbar, wohltätig, ein aufrichtiger, wahrer Freund sein ... Freilich werdet ihr ohne vergiftete Freuden sein, ohne Ruhm und Vergnügungen, doch habt Ihr dafür nicht andere Freuden?
Autor: Mit Pascals Einladung zum Glauben verabschiede ich mich von Ihnen. Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Kirche.
5. Musik Eric Lévi, The Mass Titel: The Mass
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