Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.08.12; Landeskirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum

Lobet den Herren, alle, die ihn ehren (eg 447)

Autorin: Guten Morgen, Johann, mein lieber Gemahl! – Johann! Johann? Wo steckst du? Die Bettstadt ist schon wieder leer neben mir!

Ah, sicher sitzt der Herr Musikdirektor schon wieder in seiner Komponierstube und denkt sich neue Melodien aus. Der Pfarrer Paul Gerhardt aus Mittenwalde hat doch wieder geistliche Gedichte geschickt, und dann ist für meinen Herrn Gemahl kein Halten mehr:

(Musik 1) Choral: (1. Strophe)    
Lobet den Herren alle, die ihn ehren;
lasst uns mit Freuden seinem Namen singen
und Preis und Dank zu seinem Altar bringen.
Lobet den Herren!

Autorin: Ich vergaß mich vorzustellen, entschuldigen Sie bitte. Ich bin Elisabeth Crügerin, verheiratet mit Johann Crüger, Kantor an St. Nikolai zu Berlin und am Gymnasium zum Grauen Kloster ebendort.

Die Berliner lieben meinen Mann, weil er so viele schöne Lieder und Musiken schreibt! Mittlerweile wieder, muss ich sagen. 1637, ich war siebzehn, er war 39. Seine erste Frau war gestorben, und er brachte drei Kinder mit in unser Haus.

Schwermütig war er. Sieben Jahre lang hatte er nichts mehr veröffentlicht. Dabei war er doch schon früh ein bekannter Künstler gewesen. Mit 24 Jahren hatte man ihn, den Johann Crüger, nach Berlin berufen – er war der jüngste Kantor und Musikdirektor, den diese Stadt je hatte!

(Musik 2): Posaunenchor
 
Autorin: Die ersten drei Jahre nach unserer Hochzeit waren schwierig. Die Berliner haben sich die Mäuler über uns zerrissen wegen des Altersunterschiedes, aber wir sind ein gutes Paar. Vielleicht liegt es daran, dass wir beide aus einem Wirtshaus stammen – da hat man den Sinn für’s Praktische mit der Muttermilch eingesogen. Und dann, als unsere ersten Kinder geboren wurden, ging es meinem Gemahl plötzlich besser, und er konnte wieder arbeiten. Er hat Lieder gesammelt und komponiert und 1641 sein erstes Gesangbuch mit 248 Liedern herausgegeben.

(Musik 1) Choral: (2. Strophe)  
Der unser Leben, das er uns gegeben,
in dieser Nacht so väterlich bedecket
und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket:
Lobet den Herren!

Autorin: Diese Strophe singe ich am liebsten. Besser kann man den Tag doch gar nicht beginnen! Der Herr Pfarrer Gerhardt hat sich beim Dichten eng an Luthers Morgensegen gehalten:

Sprecher :  Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus,
deinen lieben Sohn,
dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel,
dass dir all mein Tun und Leben gefalle.
Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände.
Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Autorin:  Und mit Johanns Melodie fließt der Text so leicht dahin! Dabei hat Pfarrer Gerhardt für sein Gedicht eine komplizierte Form gewählt. Hören Sie einmal nur auf den Rhythmus: Da – dada – da – da – dadadada – da – da. Schwer –leicht-leicht - schwer – schwer – leicht-leicht-leicht-leicht – schwer – schwer.

Diese Strophenform stammt aus der Antike und wird die „Sapphische Ode“ genannt. Ob der Herr Gerhardt damit seine Gelehrsamkeit zeigen wollte? Aber so, wie sie Johann vertont hat, kommt sie ganz einfach daher.  Fast wie ein Kinderlied! Mein Johann ist eben ein begnadeter Pädagoge! Johann, dafür liebe ich dich!

(Musik 1) Choral: (Strophe 3) 
Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können
und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,
das haben wir zu danken seinem Segen.
Lobet den Herren!

Autorin: Johann übt seine Lieder mit den Schülern im Grauen Kloster, und dann singt der Schulchor im Gottesdienst in St. Nikolai. Schade, dass ich dabei nicht mitsingen darf – das Chorsingen ist für Frauen nicht gestattet. Aber in der Gemeinde singe ich kräftig mit, und zu Hause singen wir mit unseren Kindern. Die sind ganz begeistert von diesem Rhythmus und treiben allerhand Späße damit. Gestern haben sie diese Strophe nur mit den Händen und Füßen, Zungen und Lippen musiziert:

(Musik 3) Musik 4stg. Satz in Körperperkussion   

Autorin: Johann hat gelächelt. Und uns erklärt, wie er auf diesen Melodierhythmus gekommen ist, den man so schön klatschen und schnalzen kann.  Er nimmt nur zwei Notenwerte: Halbe und Viertel. Das hat er sich von seinen geliebten Psalmliedern der Reformierten abgeguckt.

Ob der Pfarrer Gerhardt damit immer so einverstanden ist, weiß ich nicht. Der ist doch ein überzeugter Lutheraner! Und die liegen ja im Streit mit den Reformierten. Auch hier in Berlin. Mein Gemahl schüttelt darüber nur den Kopf. Er hat ein weites Herz in theologischen Dingen. Als junger Mann war er drei Jahre auf der Walz und ist zu Fuß durch halb Europa gezogen. Überall hat er studiert und gelernt, sogar bei den Jesuiten in Olmütz. „Hauptsache, ihr Gottesglaube ist ehrlich“, sagt er immer, „dann sind sie mir alle lieb!“

(Musik  2) Musik:  Solo-Trompete mit dezenter Orgelbegleitung
 
Sprecher:  Strophe 4 und 5)
Dass Feuerflammen uns nicht allzusammen
mit unsern Häusern unversehns gefressen,
das macht’s, dass wir in seinem Schoß gesessen.
Lobet den Herren!
Dass Dieb und Räuber unser Gut und Leiber
nicht angetast und grausamlich verletzet,
dawider hat sein Engel sich gesetzet.
Lobet den Herrn!

(Musik 1) Choral (Strophe 6)
O treuer Hüter, Brunnen aller Güter,
ach, lass doch ferner über unser Leben
bei Tag und Nacht dein Huld und Güte schweben.
Lobet den Herren!

Autorin: Erst seit kurzem ist der schreckliche Krieg vorbei, der dreißig Jahre lang gewütet hat. Ich danke Gott, dass unsere Familie davon verschont geblieben ist. Man hört so viele grausige Geschichten aus den verwüsteten Landschaften. Und unsere Doppelstadt Berlin und Cölln hat fast die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Ich habe jeden Tag um Gottes Schutz und Geleit gebetet:

(Musik 1) Choral (Strophe 7)
Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite
auf unsern Wegen unverhindert gehen
und überall in deiner Gnade stehen.
Lobet den Herren!

(Musik 2) Trompeten-Melodie und Posaunenbegleitung, 
 
Sprecher: (Strophen 8 und 9)
Treib unsern Willen, dein Wort zu erfüllen;
hilf uns gehorsam wirken deine Werke;
und wo wir schwach sind, da gib du uns Stärke.
Lobet den Herren!
Richt unsre Herzen, dass wir ja nicht scherzen
Mit deinen Strafen, sondern fromm zu werden
vor deiner Zukunft uns bemühn auf Erden.
Lobet den Herren! 

Autorin: Ah, Johann, Liebster, da kommst Du ja! Die Tinte ist noch nass auf Deinem Notenpapier, Du hast schon wieder ein Lied fertiggestellt? Mein fleißiger Ehemann! Deine Melodien sind so schön! Ich weiß, jetzt sagst Du wieder, dass das an den guten Gedichten von Paul Gerhardt liegt. Du hast ja Recht! Mir gefällt es besonders gut, dass der Herr Gerhardt zum Schluss immer den Himmel ins Spiel bringt. Ich bin sicher, dass unsere Nachfahren eure Lieder noch lieben werden, wenn wir selbst schon längst im himmlischen Chor mitsingen:

Musik 1: Choral (Strophe 10):    
Herr, du wirst kommen, und all deine Frommen,
die sich bekehren, gnädig dahin bringen,
da alle Engel ewig, ewig singen: „Lobet den Herren!“

Musikinformationen:
Musik I.
CD-Titel:  Choräle für die Kirche  
Track-Titel:  Lobet den Herren alle, die ihn ehren
Text:   Paul Gerhardt
Melodie:  Johann Crüger
Chor:   Vokalensemble Sennestadt
Leitung:  Dorothea Schenk

Musik II.
CD-Titel:  Lobet den Herren, alle, die ihn ehren –Die schönsten Lieder von Paul Gerhardt
Track-Titel:  Lobet den Herren, alle, die ihn ehren
Text:   Paul Gerhardt
Melodie:  Johann Crüger
Ensemble:  Westfälisches Bläserensemble   
Leitung:  Werner Benz
Verlag:  Gerth Medien, Asslar

Musik III.
CD-Titel:   Melodiespiele mit Gesangbuchliedern
Track-Titel:   Lobet den Herren, alle die ihn ehren
Melodie:   Johann Crüger
Bearbeitung:   Vokalperkussive Fassung des vierstimmigen Satzes nach Johann Crüger
Chor:   Projektchor der Ev. Kirchengemeinde Lippstadt
Leitung:   Christa Kirschbaum  
Aufnahme:   Shalom Sound, Jugendhaus Shalom der Ev. Kirchengemeinde Lippstadt
Verlag:   Strube Verlag, München  

Zitat: Luthers Morgensegen in: Evangelisches Gesangbuch (EG) 863.


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