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Du, meine Seele, singe
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, haben Sie heute Morgen schon gesungen? Vielleicht unter der Dusche? Wenn ja, dann gehören Sie zu einer Minderheit.
Wenn nicht, sind Sie in guter Gesellschaft. Denn in den letzten Jahrzehnten hat es wohl sehr nach gelassen mit der Sangesfreude von uns Deutschen. Während unsere Großeltern noch ganz selbstverständlich und regelmäßig zusammen saßen und alte Volkslieder sangen, verweigern sich heute viele Menschen dem Singen. Gerade junge Menschen sind ungeübt, ihre Stimmbänder aktiv zum Singen einzusetzen. Trotz unzähliger Casting-Shows und Karaoke-Veranstaltungen wird in vielen Familien kaum noch gesungen. Man hört den Gesang der Profis, singt aber nicht mehr selbst.
Wenn in der Kirche kaum einer mitsingt, ist das für mich als Pfarrerin schwierig, denn Gemeindegesang gehört zu jedem Gottesdienst dazu. Bei Trauungen und Beerdigungen wird häufig nur noch die Orgel gewünscht. Wir singen eigentlich nicht mehr, und wir kennen die Lieder ja auch gar nicht, höre ich dann oft. Und wenn das Brautpaar oder Angehörige Verstorbener sich doch ein Lied wünschen, dann singen am Ende der Organist und ich manchmal fast ganz alleine.
Auch die Konfirmanden tun sich zu Beginn der Konfirmandenzeit immer schwer mit dem Singen. Irgendwie peinlich, die eigene Stimme so zu hören. Aber das erspare ich den Jugendlichen in meinem kirchlichen Unterricht nicht. Wir singen. Jeden Unterrichtsdienstag wieder. Und das mit wachsender Begeisterung. Ich freue mich dann zu erleben, wie der Widerstand nachlässt und die Scham verschwindet. Man könnte auch sagen: Ich zwinge sie zu ihrem Glück. Denn ich bin überzeugt: Singen macht glücklich und hält gesund.
Abgesehen davon, dass wir beim Singen tiefer atmen und mehr Sauerstoff in unseren Körper lassen, tut sich auch eine Menge in unserem Gehirn: Unser Belohnungssystem wird aktiviert. Außerdem baut unser Gesang in hohem Maß die Hormone ab, die uns stressanfällig und aggressiv machen.1 Singen macht glücklich und offenbar nicht nur das: Es macht nachweislich auch früher schulreif, also irgendwie klug.2 Das ist nun für die Jugendlichen und für die meisten von uns nicht mehr relevant, aber es bleibt wissenschaftlich belegt: Singen tut gut!
Warum also singen wir so selten? Ein Grund ist vermutlich mangelnde Gelegenheit und Übung. Ein anderer vielleicht, dass wir spüren: Wenn wir singen, zeigen wir etwas von uns. Wir offenbaren mehr von uns als wenn wir nur sprechen... Wir singen ja nicht nur mit den Stimmbändern, sondern mit unserem ganzen Körper. Und mit der Seele noch dazu. Das wusste der Lieddichter Paul Gerhardt, denn er fordert sich selbst bzw. gerade seine Seele zum Gesang auf mit den Worten: Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön.
Vielleicht liegt im zweiten Teil dieser Liedzeile wohlauf und singe schön der größte Hemmschuh für fröhliches und befreites Singen: In unserer Sorge, dass wir nicht schön genug singen könnten. Dass wir nicht die richtigen Töne treffen, dass uns das richtige Taktgefühl fehlt. Schade, wenn wir uns von unseren eigenen Bewertungen und denen anderer von dieser wunderbaren Lebensäußerung des Singens abhalten lassen. Ich selber habe mich viele Jahre nicht getraut zu singen. Aber jetzt kann mich nichts und niemand mehr davon abbringen. Ganz so wie der Psalmbeter des 104. Psalms gesungen hat: Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin. (Ps 104,33)
Solch ein Lobgesang darf gerne schräge Töne haben. Ich bin sicher, dass Gott mein Lob dennoch gerne hören wird. Selbst wenn ich unter der Dusche singe! Mindestens ein selbst gesungenes Lied an diesem Tag wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal!
1 Vgl. GEO Magazin Nr. 03/07 Glückserlebnis Singen. 2 Vgl. GEO Magazin Nr. 02/11 Die guten Lehrer.
Du, meine Seele, singe
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