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Gedankenkarussell
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, die Gedanken sind frei, heißt es in einem bekannten Volkslied. Keiner kann mir meine Gedanken verbieten.
Und glücklicherweise kennt sie auch keiner außer mir. Denn meine Gedanken können sich nicht immer sehen oder hören lassen. Ich bin froh, dass sie nicht alle automatisch öffentlich sind. Stattdessen kann ich entscheiden, welche Gedanken ich mit anderen teile und welche nicht. Denn nicht jeder Unsinn, den ich den lieben langen Tag denke, ist interessant für andere. Und manches voreilige Urteil über andere ist zum Glück allein in meinem Kopf geblieben. Außerdem stehe ich gedanklich manchmal echt auf dem Schlauch. Wenn ich in einem Gespräch nicht sofort alles mitkomme oder etwas nicht gleich verstehe.
Ich bin froh, wenn das keiner an meinen Gedanken ablesen kann. Die Gedanken sind also frei. Andererseits aber sind wir nicht frei von unseren Gedanken. Meistens denken wir und denken und denken. Mich quält das manchmal. Besonders dann, wenn ich mich mit einer Sache, einem Konflikt, einer Aufgabe eigentlich gar nicht beschäftigen will. Meine Gedanken aber entfalten dann einfach ein Eigenleben. Immer wieder aufs Neue nehmen sie unwillkürlich ihren Anfang und ihren oft immer gleichen Verlauf mit einem nervigen Wiedererkennungseffekt für mich. Das habe ich doch vorhin schon einmal gedacht, denke ich dann. Und: Diese Gedanken hatte ich doch gerade eben erst unterbrochen und ihnen befohlen, ein für alle mal zu verschwinden. Und schon stehen sie einfach wieder auf der Matte. Gedankenkarussell nennt man das wohl die Gedanken kreisen und kreisen und kommen nicht vor und nicht zurück. Was auf der Kirmes ein Vergnügen sein kann, im Kopf macht es auf Dauer nur schlechte Laune. Denn meine Gedankenkarusselle haben eigentlich nie einen erfreulichen Inhalt. Wenn sich die Gedanken im meinem Kopf im Kreise drehen, dann geht es um scheinbar unlösbare Probleme und Konflikte, es geht um Dinge, die ich nicht kann oder mir nicht zutraue. Ich habe Angst oder ich mache mir Sorgen. Dem Theologen Dietrich Bonhoeffer werden folgende Worte zugeschrieben: Sprecher: Man muss sich durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder hindurchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken.
Es sind für mich tatsächlich immer nur die kleinen Gedanken, die das Karussell antreiben. Die großen Gedanken dagegen sind solche, die mir gut tun und mir Kraft geben. Darum versuche ich manchmal meinen kleinen Gedanken, den richtigen Platz zu zuweisen, indem ich die großen Gedanken aus meinem Gedächtnis hervorhole: Ein großer Gedanke, der mich stärkt, ist dieser: Gottes Gedanken über uns Menschen sind ganz anders als die Gedanken, die wir selbst uns über uns machen Gottes Gedanken über uns sind viel höher (Jes 55,8f.) und liebevoller. Im Buch des Propheten Jeremia (Jer 29,11) heißt es:
Sprecher: Denn ich weiß wohl, welche Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Das sind Gottes Gedanken über uns Menschen, die uns Zukunft und Hoffnung geben. Gottes Gedanken für uns, die wir aus unserem Gedächtnis hervorholen können. Große Gedanken, die wir den kleinen Gedanken entgegenhalten können. Den Gedanken, mit denen sich unsere Sorgen und Ängste festsetzen in Kopf und Herz. Gedanken des Friedens und nicht des Leides - mit solch großen Gedanken mag ich gerne Karussell fahren in meinem Kopf. Es gelingt nicht immer, die kleinen Gedanken, die mich quälen vom Karussell herunter zu holen und die großen Gedanken aufsteigen zu lassen. Aber manchmal klappt es eben doch, und dann macht Denken richtig Spaß, und die Gedanken sind wirklich frei!
Diese Erfahrung wünscht Ihnen für heute Pfarrerin Claudia Kiehn aus Wuppertal.
Gedankenkarussell
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